Kategorie-Archiv: Claudia Dvoracek-Iby

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fallen lassen

I.
wir lassen sie fallen
unsere verbrauchten Namen
unsere abgenutzten Gesichter
wir lassen sie fallen
in fremde rote Erde
vergraben sie tief und
lassen Gras darüber wachsen

II.
wir lassen uns fallen
so leer wie wir sind
so nackt wie wir sind
wir lassen uns fallen
in sattes grünes Gras
und graben rote Namen tief
in unsere fremden Gesichter

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 25082

Sister

Lens Parka von oben bis unten zuknöpfen. Die Kapuze über deinen Kopf und tief in die Stirn ziehen. Seinen langen Schal ein paar Mal über den Hals und deine untere Gesichtshälfte schlingen. Dankbar sein, dass es eisig kalt draußen ist, und du dich dementsprechend vermummen kannst.
„Ich gehe jetzt, bis später“, rufst du, durch den Schal gedämpft, Richtung Wohnzimmer. Keine Antwort. Du seufzt, zögerst, gehst dann ins Zimmer. Stellst dich neben deinen Vater, der sich, tief im Ohrensessel versunken, wieder mal irgendeine Doku im Fernsehen ansieht – oder vorgibt, es zu tun.
„Papa, ich gehe jetzt“, sagst du.
Er schreckt auf, räuspert sich. „Ja. Wohin denn, Kind?“
„Ach, unwichtig“, murmelst du in den Schal.
„Weißt du, Lea, wir sind so froh, dass du – trotz allem – “ Er beendet den Satz nicht.
Ein unangenehmer Lachreiz steigt in dir hoch. Wegen dem absurden ‚so froh‘. Dem ‚wir‘.
‚Wen meinst du denn mit ‚wir‘, Papa? Den Fernseher und dich?‘, würdest du gerne fragen.
„Ich meine, deine Mama und ich sind – “ Wieder stockt er mitten im Satz.
‚Deine Mama und ich‘, echot es in dir ‚ – miese Wortwahl.‘
Genauso mies, wie alles seit drei Wochen und zwei Tagen ist. Seitdem du ein Einzelkind bist. Seitdem es anstatt Mama nur mehr eine Art Schattenmama gibt. Die beinahe den ganzen Tag in ihrem verdunkelten Zimmer auf dem Sofa liegt, schläft – oder vorgibt, es zu tun. Die Pillen, die sie nimmt, machen sie lethargisch und dauermüde.
„Schon gut, Papa, ich weiß“, sagst du, legst ihm kurz die Hand auf die Schulter, und gehst.
Ja, du weißt. Dass deine Eltern erleichtert sind, dass du so tapfer, so stark bist – oder vorgibst, es zu sein. Dass du jeden Wochentag zur Schule gehst – oder vorgibst, es zu tun. Dass du dich mit Freund:innen triffst – oder vorgibst, es zu tun. Du weißt, dass sie beide nicht die Kraft haben, genauer nachzufragen, nicht die Kraft, sich um dich zu kümmern. Zu schwer, zu erdrückend ist die Trauer, an der sie, jeder für sich, tragen. Papa vor dem Fernseher. Mama im dunklen Zimmer.

Du gehst jetzt Richtung U-Bahn und bist erleichtert, weil sich soeben eine erholsame Leere anstelle der furchtbaren, intensiven Gefühle, die dich seit Wochen beherrschen, in dir einstellt. Die Psychologin hat letztens gefragt, ob du über diese Gefühle reden möchtest. Du hast eisern geschwiegen. Es reicht dir doch so was von, sie aushalten zu müssen, wozu um Himmels willen auch noch über sie sprechen!?
Über den Schmerz: Weil Len tot ist.
Über die Distanziertheit: Zu Eltern, Verwandten, Freund:innen. Seit Len tot ist.
Über die Einsamkeit: Mitten unter Menschen, egal, ob Fremde oder Freunde. Seit Len tot ist.
Über die Wut, den Hass: Auf dich. Auf alle Menschen. Weil ihr lebt und Len tot ist.
Über die Wut, den Hass: Speziell auf Jonas. Mit dem du dich jetzt treffen wirst. Und schon steigen sie wieder in dir empor, diese beiden schrecklichen Gefühle, verbünden sich mit den Gedanken, die ständig in deinem Kopf kreisen:
Warum nur ist Jonas, der Führerscheinneuling, an diesem Freitag trotz des drohenden Unwetters mit Len ins Auto gestiegen? Du siehst den sich verdunkelnden, den beinahe schwarzen Himmel wieder vor dir. Siehst die Äste an den Bäumen, die sich unter dem aufkommenden gewaltigen Sturm biegen, brechen. Und dann – der plötzlich einsetzende Hagel! Ein Hagel, von dem noch heute entsetzt gesprochen wird. Mensch und Natur waren ihm hilflos ausgeliefert – so wie du seit diesem Tag deinen quälenden Emotionen. Nie zuvor in dieser gewaltigen Dimension erlebt. – Babyfaustgroße Eisklumpen. – Umgeknickte Sträucher und Bäume. – Unzählige Schäden an Fahrzeugen, Gebäuden, Hausdächern. – Unfälle. Viele Verletzte. Und ein Toter. Len.
Jonas hat die Kontrolle über sein Auto verloren. Es ist frontal gegen einen Baum geprallt. Warum hat Jonas überlebt und Len nicht? Warum hattest du ausgerechnet an diesem Tag Migräne? Sonst wärest du bestimmst mitgefahren, dann wärest vielleicht du tot und Len würde um dich weinen …

Obwohl: Weinen? Du kannst nicht weinen. Die Psychologin hat gemeint, das wäre der Schock. Tolle Erkenntnis. Sowieso wirst du nicht mehr zu ihr gehen, seit ihrer Aussage in der letzten Therapiestunde. Sie hat dich professionell – unterstellst du ihr – mitfühlend angeschaut, und, bemüht vorsichtig, gesagt: „Vielleicht ist es zu früh, das zu sagen, aber glaube mir, Lea, irgendwann wirst du dankbar sein für die sechzehn Jahre, in denen du mit deinem Zwillingsbruder so viel Schönes und Unvergessliches erlebt hast.“
In dir hat es geschrien: ‚Was redest du da für Scheiße! Sechzehn Jahre sind viel zu wenige! Ich will, dass er lebt! Ich will ihn wiederhaben! Jetzt, hier, neben mir! Sofort!‘

Bei diesen Gedanken platzt du fast vor Schmerz. Nie wirst du Jonas verzeihen können! Auch, wenn er im Mail, in dem er dich um das heutige Treffen gebeten hat, geschrieben hat, dass er jede Nacht Alpträume vom Unfall habe, von dem unfassbaren Hagelsturm, der sein Auto, der Len und ihn – im wahrsten Sinn des Wortes – aus der Bahn geworfen hat; dass er sich die ärgsten Vorwürfe mache; er traumatisiert, todtraurig sei, dass dein Bruder – sein bester Freund verunglückt ist.
‚Was erwartet er sich denn?‘, denkst du bitter. ‚Dass ich ihn tröste? Dass ich ihm verzeihe? Unmöglich. Er ist schuld daran, dass Len tot ist, und das werde ich ihm ins Gesicht sagen …
Aus jetzt! Stehen bleiben. An die Mauer lehnen. Die Augen schließen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Jetzt einen Fuß vor den anderen setzen. Und langsam, Stufe für Stufe, hinunter zur U-Bahn-Unterführung.‘

Unten gehst du um die Ecke, und siehst John. Möchtest sofort umdrehen und flüchten. Verfluchst dich innerlich, weil du nicht daran gedacht hast, dass du ihm begegnen wirst. John ist immer um diese Zeit hier. Es ist zu spät, um wegzulaufen. Sein Gesicht strahlt auf, als sich eure Blicke treffen, nimmt dann aber sogleich einen besorgten Ausdruck an. Schnell willst du an ihm vorbeigehen.
„Hello Sister“, hörst du John wie immer zu dir sagen. Wenn er wüsste, was diese beiden Worte in dir auslösen. ‚Ich bin keine mehr! Bin keine Schwester mehr, keine Schwester mehr!‘, schreit es in dir. Der Schmerz ist unerträglich. Nie wieder wirst du ‚Hi, Schwesterherz‘ von Len auf dem Display lesen, nie mehr sein scherzhaftes ‚Na, kleine Schwester?‘ hören, wenn er betonen will, dass er ein paar Minuten vor dir auf die Welt gekommen ist …

Du schmeckst Salziges auf deinen Lippen. Registrierst, dass du direkt vor John stehst und weinst. Das erste Mal weinst, weinen kannst, seitdem das Unglück passiert ist. Im denkbar ungünstigsten Moment. In einer belebten U-Bahn-Station. Kannst es nicht verhindern. John legt seine Zeitungen zu Boden, öffnet seine Arme. Du schluchzt, heulst, rotzt in seinen rauen Jackenstoff. Er hält beschützend seine Arme um dich, sagt nichts, lässt dich weinen.

Bilder blitzen durch deinen Kopf: Len und du als Volksschulkinder, als ihr auf eurem Schulweg wochentags an John vorbei zur U-Bahn gegangen seid. Johns fröhlicher Gruß jeden Tag: ‚Hi, my little Friends! Hello Sister! Hello Brother!‘ Len, der mit John scherzt und lacht. Len als Elfjähriger, der vor eurer Klasse ein Referat hält. Thema: „Ein Mensch, den ich bewundere.“ Len erzählt von John, dem Straßenzeitungsverkäufer. Der immer freundlich und heiter ist, obwohl er unvorstellbar Grausames erleben musste. Der als Jugendlicher seine gesamte Familie im Krieg verloren, als Einziger überlebt hat, allein aus seiner Heimat flüchten musste. Du erinnerst dich, dass es mucksmäuschenstill im Klassenraum war, als Len sein Referat mit den Worten beendete: ‚Ich bewundere John, und ich mag ihn sehr.‘

Du löst dich nun aus Johns schützender Umarmung. Er fragt nicht, sieht dich nur still an. Du putzt dir die Nase, dann bricht es stotternd aus dir heraus: „Es war – es war ein Autounfall. – An dem Tag, als das Unwetter – als es so furchtbar gehagelt hat … – Len ist tot. Er ist tot.“
Nun weint ihr beide. Später dann, als du gehst, ruft John dir mit fester Stimme nach: „You are not alone, Sister. Don’t lose hope.“

In der U-Bahn schauen dich ein paar Leute verstohlen an. Weil du nach wie vor weinen musst. Du nimmst ein Taschentuch an, das dir jemand reicht. Schämst dich nicht deswegen. Denkst an John. Ob er von Lens Referat über ihn weiß? Du wirst es suchen, kopieren und ihm geben. Bestimmt wird ihn dies freuen. Wie ist es möglich, fragst du dich, dass er trotz seiner Schicksalsschläge ein so herzlicher, fröhlicher Mensch ist? Seine Positivität wirkt nicht aufgesetzt, sie ist echt. Wie hat er es geschafft, den Verlust seiner Geschwister und Eltern zu bewältigen?
‚Meine Eltern leben, ich lebe‘, denkst du, und dann an Johns Worte, die er dir nachgerufen hat. Unerwartet flammt tatsächlich ein kleiner Funke Hoffnung in dir auf, die leise Hoffnung, dass vielleicht doch langsam alles wieder etwas leichter, etwas lichter werden könnte. Für deine Eltern und dich, für alle, die um Len trauern.

Gleich wirst du bei der U-Bahn-Station ankommen, bei der du aussteigen musst. In Kürze also wirst du Jonas gegenüberstehen. Du trocknest noch einmal dein Gesicht, steckst das Taschentuch ein, atmest tief durch. Du wirst Jonas sagen, dass er und Len nicht wissen konnten, dass das Unwetter an diesem Freitag derart heftig werden würde, als sie sich ins Auto setzten. Dass weder deine Eltern noch du ihm Vorwürfe machen würden, und er sich ebenfalls keine machen solle. Das würde Len auf keinen Fall wollen.

Beim Aussteigen aus der U-Bahn rempelt dich versehentlich ein Junge an. Er hat lange, dunkle Dreadlocks. Solche, wie Len sie trug. „Ups, sorry“, lächelt dich der Junge entschuldigend an. Spontan lächelst du ebenfalls. Es ist ein echtes Lächeln.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25067

 

Rückspiegel

Es dämmert, und der Regen wird stärker. Müde und gereizt halte ich unter dem schützenden Vordach des Firmengebäudes nach dem bestellten Taxi Ausschau. Der Arbeitstag mit den Berliner Kolleg:innen ist anstrengend verlaufen. Ich hadere innerlich mit mir selbst. Warum nur habe ich nicht für diese Nacht ein Hotelzimmer gebucht? Dann könnte ich mich jetzt erholen, könnte morgen ausschlafen, um dann ausgeruht nach Wien retour zu fliegen. Ich denke an Marie, an ihre leise Stimme vorhin am Telefon, denke an die Entfremdung zwischen uns – schon länger diese Entfremdung, die sicherlich zum Großteil aufgrund meiner vielen Geschäftsreisen, meiner tage- und nächtelangen Abwesenheiten entstanden ist.
Ach, als ob diese jetzige lächerlich vierzehn Stunden frühere Heimreise alles wieder gutmachen könnte!

Als das Taxi endlich vor mir hält, eile ich im Laufschritt durch den strömenden Regen zur Hintertür, öffne sie und setze mich aufatmend, den Aktenkoffer neben mich schiebend, auf den Rücksitz. Kaum habe ich die Tür geschlossen, gesellt sich zu meiner schlechten Laune zusätzlich ein ungutes Gefühl. Ein Gemisch aus Traurigkeit, Wut und Unsicherheit steigt in mir hoch. Noch bevor ich seine Stimme höre, und erkenne, dass diese diffusen Emotionen ihren Ausgangspunkt in ihm, dem Taxifahrer, haben – noch bevor sich unsere Blicke im Rückspiegel treffen, weiß ich, wer er ist.
Faris. Eindeutig Faris. Ich erkenne ihn an seiner Augenpartie, den dichten Augenbrauen, an seinem Blick, der mich im Spiegel mit demselben spöttischen Ausdruck trifft wie damals.
„Zum Flughafen also“, sagt er gelangweilt, und ich räuspere mich zustimmend.
Er fährt langsam los. Seine hellen Augen lassen nun von mir ab, doch seine obere Gesichtshälfte ist nach wie vor in meinem Blickfeld. Ich, eingeklemmt zwischen meinem Aktenkoffer und meinen Emotionen, bewege mich nicht. Zum Glück scheint Faris mich nicht erkannt zu haben.
‚Durchhalten“, spreche ich mir innerlich gut zu, „du musst nur knappe zehn Minuten bis zum Flughafen durchhalten …“

Faris richtet den Rückspiegel, und wieder durchbohrt mich sein Blick. Ich sehe, wie er eine Augenbraue hochzieht, halte die Luft an, doch er sagt kein Wort. Wir fahren durch eine Unterführung. Im Schutz der Dunkelheit rutsche ich unauffällig zur Seite, hinter seinen Vordersitz ans Fenster, schließe erschöpft die Augen. Ungewollt taucht die Szenerie, die sich vor knapp zwanzig Jahren abgespielt hat, in mir auf.
Paradoxerweise trafen sich auch damals unsere Blicke in einem Spiegel. Ich saß, eine Flasche Bier in der Hand, gegenüber einer verspiegelten Zimmerwand, auf dem Parkettboden in Lukes Zimmer. Luke war Balletttänzer, darum die Spiegelwand.
Keine Ahnung mehr, warum ich so saß, mir selbst gegenüber – offenbar wollte ich meinem Elend ins Gesicht blicken. Es war nämlich Maries Abschiedsfeier. Noch immer konnte ich es nicht fassen. Marie zog tatsächlich aus. Zu ihm! Zu diesem Faris nach Berlin. Von einem Tag zum andern! Völlig überhastet hatte sie dies entschieden.

Über ein Jahr lang hatten Luke, Marie und ich uns die Wohnung geteilt. Ebenso lang war ich in Marie verliebt. Seit der Sekunde, als sie aufgrund Lukes und meiner Zeitungsannonce: „Mitbewohner/in für 3er-WG gesucht“, hereingeschneit und noch am selben Tag bei uns eingezogen ist, war ich von ihrem Wesen wie magisch angezogen: diese Mischung aus resolut und warmherzig, sensibel und stark, geheimnisvoll und redselig. Ihr Lachen. Und wie schön sie war! Ich war sehr unsicher damals, wagte nicht, ihr zu sagen, wie sehr sie mir gefiel. Doch der richtige Zeitpunkt würde kommen, davon war ich überzeugt. Und immerhin: Innerhalb kürzester Zeit war ich Maries Vertrauter, ihr bester Freund geworden, wie sie mir immer wieder beteuerte.
Damit war Schluss, als sie Faris kennenlernte. Sie sprach nur mehr von ihm.
„Noch nie ist mir ein Mensch wie er begegnet“, schwärmte sie. „Er ist einfach unglaublich, Daniel! Faris ist ein echter Künstler, ein Original, ein Freigeist.“
Marie war nicht mehr greifbar für mich. Schlagartig hatte ich verloren, was ich nie besessen hatte.

Es war schon nach Mitternacht auf der Abschiedsfeier, als dieser Faris sich plötzlich neben mich vor die Spiegelwand setzte. Bisher hatte ich nur wenige Worte mit ihm gewechselt. Schweigend sahen wir uns im Spiegel in die Augen. Unvermutet lachte er laut auf, pfiff durch die Zähne, sagte: „So ist das also. Alles klar“, und dann eindringlich, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Hör gut zu. Du bist selbst schuld, wenn du es ihr nie gesagt hast, Feigling. Jetzt ist es zu spät. Sie ist mir verfallen, deine Marie. Aber ich …“
Ich stand auf, unfähig, ihm etwas zu entgegnen, wankte aus dem Zimmer, bebend vor Wut.
„He, bleib doch, Mann, ich bin noch nicht fertig – …“ Sein Lachen dröhnte mir nach.
Ein, zwei Stunden später, vis-à-vis  von mir auf der Couch, Marie in seinen Arm geschmiegt, sagte er, laut genug, dass ich es hören konnte:
„Süße, ich habe deine Freunde durchgecheckt. Einer hat nicht bestanden.“
Wie sie sofort mich ansah. Wie ich dachte, das war es jetzt. Endgültig. Keine Marie mehr.

„Und, wohin geht’s?“ Faris’ Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke aus dem Fenster, erkenne an einem Schild, dass wir zum Glück in wenigen Minuten beim Flughafen sind.
„Nach Wien“, antworte ich widerwillig.
Wieder richtet er den Rückspiegel auf mich. Seine Augen fixieren mich.
„Wien!“ Er lacht sein höhnisches Lachen. „Aus Wien habe ich vor etwa zwei Jahrzehnten ein bildhübsches Anhängsel mitgenommen. Aber nur für ein paar Monate. Weißte, ich war damals nicht der Typ für feste Beziehungen. Ich brauchte Abenteuer. Sie wollte nicht weg von mir, klammerte, weinte. Aber ich habe sie mit einem One-Way-Wien-Flugticket in ein Taxi gesteckt. Tja, und nun fahr ich selbst Taxi. Als Ausgleich zum Malen.“
Er bremst. Rasch reiche ich ihm einen Geldschein nach vor, öffne die Tür – nur raus hier ...
„Grüß sie von mir, Feigling! Gib ihr einen Kuss von mir, okay?“, höre ich ihn noch lachend rufen, bevor ich die Tür zuknalle.

Tags darauf, am späten Nachmittag, als Marie und ich bei einem Glas Rotwein zusammensitzen, spreche ich es an: „Sag mir, Marie, wie war das damals mit Faris? Warum bist du wieder zurück nach Wien? Und warum zu mir?“
Sie sieht mich erstaunt an: „Aber Daniel, diese Zeit liegt doch ewig zurück. Seltsam, dass du jetzt danach fragst. – Also gut, auch wenn du es ohnehin weißt: Ich bin damals zurückgekommen, weil ich dich furchtbar vermisst habe. Und zwar anders, als man einen guten Freund vermisst. Zwischen Faris und mir hat es nicht mehr gepasst. Er wollte, dass ich bei ihm blieb, klammerte, weinte. Eines Nachts jedoch, als er schlief, habe ich ein Taxi gerufen – bin zum Flughafen – bin zu dir ...“
Wir greifen beide gleichzeitig zu unseren Weingläsern, trinken.

„Er lässt dich grüßen“, sage ich dann. „Und ich soll dir einen Kuss von ihm geben.“
Marie wird blass, sie beißt sich auf die Unterlippe.
„Er hat dich also angerufen“, sagt sie. Ihre Stimme klingt belegt. „Was hat er dir erzählt?“
Ich nehme zwei, drei große Schluck Wein, schenke mir nach, frage mich irritiert, warum sie sogleich annimmt, dass er mich angerufen, mir etwas erzählt hätte.
„Daniel, ich habe endgültig Schluss mit ihm gemacht“, sagt Marie leise.
Ich trinke mein Weinglas auf ex. „Wann?“, frage ich.
„Vor zwei Wochen, als – als du übers Wochenende in München warst.“ Sie sieht angestrengt auf ihre Hände.
„Er war hier?! In unserem Haus?“
Marie schweigt.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich dieses Doppelleben nicht mehr ertrage“, sagt sie dann.
„Und du warst auch öfter bei ihm in Berlin?“
Sie senkt ihren Kopf, nickt kaum merklich.
„Er hat dich bestimmt angerufen, um dich wissen zu lassen“, sie schlägt ihre Hände vors Gesicht, „dass – dass er will, dass ich wieder zu ihm ziehe.“
Ich atme tief durch.
„Und du? Marie! Was willst du?!“
Sie dreht sich von mir weg, das Gesicht unter ihren Händen versteckt.
„Antworte mir, Marie, rede mit mir. Bitte! Sieh mich bitte an!“
Marie schüttelt den Kopf. Weint. Sagt nichts.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 25047

 

Tiger

Erstaunlich, wie schnell manchmal alles geht. Erst vorgestern habe ich auf die Anzeige „Villenhaushalt sucht Kindermädchen, Erfahrung erwünscht, zwei bis drei Abende pro Woche, tierlieb, gute Bezahlung“ reagiert, und schon lausche ich den Anweisungen der Inserenten, Herrn und Frau Panthera, die im Begriff sind, auszugehen. Etwas überheblich sind die beiden, zwar freundlich, aber reserviert. Die Achtjährige, auf die ich aufzupassen habe, hat diese Haltung übernommen, hat mir vorhin kühl die Hand gereicht, mir prüfend in die Augen gesehen und ernst gelächelt. Sie hat sich brav von ihren Eltern verabschiedet und ist in ihrem Zimmer verschwunden.

„Sie brauchen das Abendessen für Desiree nur aufzuwärmen. Auch für Sie ist reichlich da“, sagt Herr Panthera. Er verstaut bedächtig sein Smartphone und sein Portemonnaie in den Innentaschen seines Sakkos. „Bitte kein Fernsehen. Es gibt genügend interessante Spiele und Bücher.“
„Desiree wird Ihnen alles zeigen. Um neun Uhr wird sie schlafen gehen. Unsere Tochter ist sehr selbstständig“, sagt Frau Panthera. Sie zieht sich eine gestreifte Jacke an, betrachtet sich im goldumrahmten Vorraumspiegel.
„Eines jedoch“, räuspert sich Herr Panthera, schon einen Schlüsselbund in der Hand. „Eines jedoch bitten wir Sie, ohne Wenn und Aber und ohne es zu hinterfragen, zu respektieren. Uns ist vor einigen Wochen eine Katze zugelaufen. Desiree jedoch sieht in dem Tier einen Tiger. Spielen Sie einfach mit, auch wenn Ihnen das lächerlich erscheinen mag. Tun Sie so, als ob es tatsächlich ein Tiger wäre, dann wird dieser Abend für Sie problemlos verlaufen.“

Gegen Mitternacht würden sie zurück sein, sagen sie noch, wünschen mir einen angenehmen Abend, und dann beobachte ich auch schon erleichtert durch das Fenster, wie die beiden durch den gepflegten Vorgarten schreiten, in ihren grauen Jaguar steigen und wegfahren. Tief ausatmend finde ich, dass ich mir nun wirklich ein Getränk verdient habe, entdecke auch sogleich die unfassbar reichhaltige Hausbar im Wohnzimmer. Ich genehmige mir ein Glas Wodka.
Desiree kommt aus ihrem Zimmer, geht, ohne mich anzusehen, an mir vorbei in die Küche, und mit einem großen, rohen Fleischstück in ihren Händen wieder zurück.
Ich muss lachen. „Das ist wohl für dein Tigerkätzchen“, sage ich.
Das Mädchen antwortet nicht, würdigt mich keines Blickes, verschwindet wieder in ihrem Zimmer.

„Verzogener Fratz“, sage ich leise und amüsiert, mache es mir auf dem weißen, weichen Sofa bequem, schalte den riesigen Fernseher ein.
Nach einer Weile sitzt Desiree plötzlich neben mir.
„Na, schläft dein Tiger nun nach der Fütterung?“, frage ich.
Sie nickt.
„Darf ich deine Raubkatze mal sehen?“
Sie steht auf, öffnet eine Schublade, nimmt ein Foto heraus und reicht es mir. Darauf thront sie, Desiree, strahlend, lächelnd, auf dem weißen Sofa, auf dem ich soeben sitze – ihre rechte Hand ruht liebevoll auf dem riesigen Kopf eines entspannt zu ihren Füßen liegenden, ausgewachsenen Tigers.
„Sehr gut gemachte Fotomontage“, lobe ich.

In diesem Moment höre ich aus Desirees Zimmer lautes, bedrohliches Fauchen. Ich zucke zusammen.
„Tiger träumt nur“, sagt Desiree. „Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Ich fürchte mich nicht vor CDs mit Tiergeräuschen“, sage ich und spüre Ärger in mir hochsteigen. „Genug jetzt!“ Gereizt knalle ich das Foto auf den Couchtisch. „Ich habe Hunger. Komm, du Tigermädchen, essen wir etwas.“
Wir schweigen beide, während ich das bereitgestellte Gulasch aufwärme, Brot aufschneide und Desiree den Tisch deckt. Das Essen schmeckt gut. Ich trinke teuren Rotwein, betrachte das stille, schmale Mädchen mir gegenüber.
„Ist das nicht Tierquälerei, einen Tiger im Haus zu halten?“, frage ich provozierend.
Desiree nimmt einen Schluck Wasser, zupft an ihren langen, blonden Zöpfen, schaut an mir vorbei aus dem Fenster.

Als ich keine Antwort mehr erwarte und schon eine scharfe Frage nachschießen will, sagt sie laut und deutlich:
„Erstens: Das ist kein gewöhnlicher Tiger. Zweitens: Ich halte ihn nicht gefangen, er kann gehen, wann immer er will. Fast jede Nacht ist er draußen im Wald hinter unserem Haus und kommt am Morgen wieder. Er ruht sich bei mir aus. Denn drittens: Er ist sehr  gerne bei mir.“
Wut steigt in mir auf. Wie kann ein kleines Kind derartig arrogant und verlogen sein, frage ich mich. Ich trinke den Wein aus, stehe auf, wende Desiree den Rücken zu, spüle den Teller ab und sage:
„Na, du hast ja eine blühende Fantasie. Aber mich interessiert deine ausgedachte Geschichte überhaupt nicht. Hör also bitte auf mit diesen dummen Lügen!“

Ich drehe mich zu Desiree, die jedoch lautlos verschwunden ist.
„Verrücktes Kind!“, schimpfe ich in die leere Küche, schenke mir nochmals großzügig Wein ein, stapfe damit ins Wohnzimmer.
„Eines jedoch ...“, äffe ich die Ansprache ihres Vaters nach. „Eines jedoch bitten wir Sie ... Respektieren Sie ... Tun Sie einfach so, als ob ...“
Ich lasse mich wieder auf die weiße Couch vor den Fernseher fallen, rufe laut:
„Ganz sicher nicht, Familie Größenwahn, nicht mit mir!“, und verschütte beim Hinstellen des Glases ein wenig Wein auf das Foto mit Desiree und dem Tiger. Ich zerknülle es und stopfe es in meine Hosentasche.

Aus dem Kinderzimmer dringen gedämpft Geräusche. Ich drehe den Fernseher lauter. Doch Desirees Lachen und eine Art freudiges Winseln lassen sich nicht übertönen. Ich trinke mein Glas aus, stehe auf, lege mein Ohr an die Tür. Es hört sich an, als würden nun in dem Zimmer Möbel geschoben. Wieder lacht Desiree hell auf.
Ich klopfe, und sage, bemüht, meine Stimme nett und klar klingen zu lassen:
„Desiree, es ist Schlafenszeit! Ich komme jetzt rein zum Gute-Nacht-Sagen.“
„Nein! Bitte nicht!“, ruft Desiree.
„Aber warum denn nicht?“, frage ich, so freundlich wie nur möglich, und fühle mich dabei seltsamerweise wie der böse Wolf aus einem Märchen.
Stille. Dann Desirees deutliche Stimme: „Tiger mag dich nicht.“

Ich muss gegen meinen Willen kichern, drücke die Türklinke nieder, kann aber nicht öffnen, spüre Widerstand. Ich schaue durch das Schlüsselloch. Es scheint kein Schlüssel zu stecken, offensichtlich hat Desiree ein Möbelstück vor die Tür geschoben.
‚Mit mir nicht, du Biest‘, denke ich, ‚mich sperrt niemand aus.‘ Wie mich dieses Kind mitsamt seiner Tigergeschichte aufregt, mich immer wütender macht! Um mich zu beruhigen, genehmige ich mir noch ein Gläschen Wodka von der Hausbar. Dann klopfe ich wieder an die Kinderzimmertür und sage ruhig und bestimmt:
„So, Desiree, Schluss jetzt mit dem Theater. Mach bitte die Tür auf. Ich möchte nachsehen, ob alles in Ordnung ist bei dir und deinem Tigerkätzchen.“
Keine Antwort.

Ich drücke wieder die Türklinke nieder, stemme mich mit aller Kraft gegen die Tür, schaffe es tatsächlich, das davorgestellte Möbelstück wegzuschieben. Die Tür ist offen.
„Na bitte“, sage ich zufrieden, betrete das Kinderzimmer.
Es passiert blitzschnell.
„Nicht, Tiger!“, höre ich Desiree schreien. Aus einer Ecke des Raumes springt ein grollendes, pelziges, mächtiges Etwas gegen mich, ein weißes Raubtiergebiss blitzt dicht vor meinem Gesicht auf, und schon schmettert ein wuchtiger Prankenschlag auf meinen Kopf. Dann ist alles dunkel und still.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 24185

Cirrus

Über den Tisch verstreut liegen Fotos. Ich nehme eines nach dem anderen in die Hand und betrachte sie. Schließlich entscheide ich mich für einen Schnappschuss, den meine Tochter wenige Tage bevor sie nach Berlin umgesiedelt ist, gemacht hat. Auf dem Foto sitzt Cirrus, mein wunderschöner Kater, aufrecht auf seinem Lieblingsplatz, der Fensterbank. Er blickt aus smaragdgrüntiefen Augen direkt in die Kamera. Die Abendsonne hinter ihm lässt sein weißes Fell schimmern und glänzen. Ich klebe das Foto auf ein großes Blatt Papier und schreibe darunter sorgfältig seine Vermisstenanzeige, lasse es dann später im Kopierladen vervielfältigen und verbringe den ganzen restlichen Tag damit, die Plakate auf sämtliche Litfaßsäulen, Baumstämme und Mauern meiner Umgebung zu kleben.

­– Zutraulicher weißer Maine-Coon-Kater namens Cirrus seit 5.5. vermisst. Freigänger, sieben Jahre alt, gechipt. Bitte melden Sie sich, wenn Sie ihn gesehen haben! Finderlohn! –

Diese Wortfolge samt meinem Vornamen und meiner Handynummer habe ich nicht nur auf das Papier geschrieben, ich habe sie verinnerlicht, da ich sie an diesem Tag wie ein Mantra ständig lautlos wiederholt habe.

Cirrus’ Verschwinden ist ein zusätzliches Glied meiner Unglückskette, die sich, chronologisch aufgezählt, aus Folgendem zusammensetzt: meine Scheidung nach beinahe drei Jahrzehnten Ehe. Meine Pensionierung nach über vierzig Jahren Büro. Der Tod meiner Eltern, die kurz hintereinander an Krebs starben. Der Auszug meiner Tochter in ihre Berliner WG. Der Abschied von meiner einzigen Freundin, die nun mit ihrem neuen Lebensgefährten in Neuseeland lebt. – Dies alles geschieht innerhalb von elf Monaten, eine Zeitstrecke, in der mich zunehmend das Gefühl beschleicht, dass dicht über mir eine dunkle, bedrohliche Wolke hängt, eine düstere Wolke, die mich überallhin begleitet, eine Wolke, die immer tiefer zu mir sinkt, immer schwerer auf mir lastet.

Es melden sich fünf Menschen, die Cirrus gesehen haben wollen. Vier der Anrufe stellen sich als Fehlanzeige heraus. Der fünfte Anruf aber bringt Gewissheit. Cirrus, mein wundervoller, geliebter Kater, ist überfahren worden. Wie versteinert stehe ich vor dem reglosen, kleinen Körper, der im Straßengraben neben der Landstraße liegt. Das junge Mädchen, das mich angerufen hat, meint mitleidig: „Da hilft nur eines, glauben Sie mir, eine neue Katze ...“, und verstummt, als ich den Kopf schüttle.

Nein, das kommt für mich nicht in Frage. Cirrus, der mir seit sieben Jahren jeden einzelnen Tag durch seine sanfte, weiche Anwesenheit verschönt hat, ist nicht ersetzbar. Die schwere Wolke über mir senkt sich mehr und mehr, droht mich zu erdrücken. Es gibt nun Tage, da schaffe ich es nicht, unter ihrer Last aufzustehen. In dem Zustand, in dem ich mich nun befinde und aus dem ich nicht herausfinde, ergibt nichts mehr Sinn für mich. Ich isoliere mich, gehe kaum mehr außer Haus.

Es ist ein Sonntagvormittag, als mein Handy klingelt. Abgesehen von den Freitagabenden, an denen meine Tochter anzurufen pflegt, ist das Klingeln des Handys inzwischen ein äußerst seltenes Geräusch geworden. Unbekannte Nummer, blinkt es am Display. Ich habe nicht vor, den Anruf anzunehmen. Es läutet jedoch dreimal hintereinander, sodass ich schließlich doch widerwillig annehme. Eine freundliche Frauenstimme antwortet auf mein etwas Schroffes:
„Ja, Anja spricht. Wer ist denn da?“

„Guten Tag, mein Name ist Carmen. Ich rufe wegen des Plakates an.“

„Das ist längst hinfällig, danke, mein Kater ist gefunden worden“, will ich mich rasch verabschieden.

„Nein, nein, bitte warten Sie, Anja“, sagt sie. „Es geht um etwas anderes. Eine Frage, ist das Ihre Schrift auf dem Plakat?“

„Ja“, antworte ich irritiert. „Aber ich verstehe nicht, warum wollen Sie das wissen?“
„Ich bin Grafologin. Und, kurz gesagt, ich finde Ihr Schriftbild sehr interessant. Darum habe ich gedacht, ich rufe Sie einfach mal an und frage Sie, ob Sie vielleicht Zeit für ein Treffen haben. Ich würde nämlich zu gerne persönlich mit Ihnen besprechen, was an Ihrer Schrift so bemerkenswert ist.“

Überrumpelt schweige ich einen Moment und überlege. Die Stimme der Anruferin ist freundlich und angenehm, sie ist mühelos durch die dunkle Wolke zu mir durchgedrungen.
„Zeit hätte ich schon“, sage ich zögernd. „Und neugierig haben Sie mich auch gemacht. Es ist nur so, ich befinde mich derzeit in keiner guten Verfassung.“

„Ja, das kann ich verstehen“, sagt sie ruhig. „Ich würde mich dennoch sehr über ein Treffen freuen.“

Ich hole tief Atem und sage – mich damit selbst überraschend – einem Treffen zu.
Zwei Tage später sitzen wir uns tatsächlich in einem Gastgarten gegenüber. Wir trinken Weißwein. Carmen ist so, wie ihre Stimme am Telefon auf mich gewirkt hat: ein zugewandter, freundlicher Mensch. Sie bemüht sich, mir mein Schriftbild zu erklären, und ich höre zu und versuche, zu verstehen. Ich höre grafologische Ausdrücke wie Girlanden, Schlingen, Arkaden, finde diese komplexe Welt der Schrift interessant, fühle mich aber etwas überfordert. Auch erschließt sich mir nicht wirklich, was denn nun der eigentliche Grund von Carmens Anruf war.

Carmen meint, dass meine Girlanden den ihren ähneln, und dass sie eine Übereinstimmung in unserer Lebensanschauung vermute. Sie legt ein von ihr vollgeschriebenes A4-Blatt neben mein Cirrus-Plakat, das sie von einem Baumstamm genommen hatte. Ich entdecke allerdings keine Spur von Ähnlichkeit unserer Handschriften und schüttle ratlos den Kopf, was Carmen zum Lachen bringt. Sie lacht so herzlich, dass ich mitlachen muss.

Den wesentlichen Punkt für Carmens Anruf erfahre ich nicht bei diesem ersten, sondern bei einem unserer nächsten Treffen: Als sie meine Vermisstenanzeige beim Spazierengehen gesehen hat, ist sie erschrocken über die großen, die viel zu großen Abstände zwischen meinen Wörtern, sie erkannte in diesen mich gefährdende Abgründe der Isolation.

Als mir klar wird, dass sie mich angerufen hat, weil sie sich um mich sorgte, bin ich berührt von der Tatsache, dass sich ein Mensch über eine ihm völlig fremde Person Gedanken macht.
Bei diesem ersten Treffen aber streift Carmen dieses Thema nur kurz. Sie bemerkt natürlich, wie schlecht es mir geht, sieht meine Hände zittern, spürt meine Anspannung.

„Wie kam es eigentlich zu dem Namen Cirrus?“, fragt sie bei einem zweiten Glas Weißwein. „Das hatte doch bestimmt seinen Grund.“

„Ja“, antworte ich nach kurzem Zögern, „mein Kater kam zu seinem Namen, weil mich sein Fell, sein seidiges, weißes Fell, an Federwolken, an Cirrus-Wolken eben, denken ließ.“

„Cirrus-Wolken“, wiederholt Carmen. „Federwolken. Schön klingt das.“

Sie lächelt mich ermutigend an, berührt mich kurz am Oberarm, und sagt dann leise:
„Erzähle mir bitte, erzähle mir von dir.“

Und während mir noch die Frage auf der Zunge liegt: ‚Aber, was denn – was soll ich denn von mir erzählen?‘, steigen plötzlich Erinnerungen in mir hoch, Bilder von früher, an die ich lange Zeit nicht gedacht habe, und ich beginne tatsächlich zu erzählen.

„Ich denke gerade daran“, sage ich, „dass ich als Kind am liebsten stundenlang auf der Wiese lag und in den Himmel zu den Wolken sah. Wolken faszinierten mich. Irgendwann sah ich zufällig in einer Ausstellung Ölbilder und Aquarelle eines Wolkenmalers. Es waren beeindruckende Werke. Ich war derart begeistert davon, dass ich ebenfalls Wolken malen wollte. Tatsächlich bin ich in meiner Jugendzeit sehr oft mit meiner Staffelei auf einer Anhöhe, im Garten, auf einer Wiese gesessen und habe unzählige Wolkenbilder gemalt …“
„Das ist es“, nickt Carmen zufrieden. „Ich wusste es. Es ist in deiner Schrift sichtbar: Du trägst eine starke Leidenschaft in dir, so wie auch ich, du für das Wolkenmalen, ich für die Grafologie.“

„Na ja, ehrlich gesagt, war das wohl früher bei mir der Fall, aber das liegt lange zurück. Das letzte Bild, das ich gemalt habe – ich weiß nicht mehr, wann das war, bestimmt vor der Geburt meiner Tochter.“

„Oh, wie schade!“ Carmen schaut mich betroffen an. „Das muss dir doch schrecklich fehlen. Was ist passiert, dass du damit aufgehört hast?“

Ich zucke die Schultern, denke nach. „So genau kann ich das nicht sagen, es gab keinen bestimmten Auslöser. Ich hatte wohl keine Zeit mehr dafür, hatte anderes, hatte viel zu tun. Meine Familie, die Arbeit. Vielleicht war ein weiterer Grund, dass das Wolkenmalen schon vor Jahrzehnten etwas Veraltetes war, nichts, was andere interessierte. Es fand keine sonderliche Beachtung. Tja, niemand malte Wolken. Niemand außer mir.“

„So ähnlich ist es auch mit der Grafologie. Früher bekam ich viele Aufträge, doch das hat sich mit den Jahren geändert. Ich hoffe, dass die Schriftenkunde nicht völlig ausstirbt. Das wäre traurig, ist sie doch ein Spiegelbild unseres Selbst. Mich persönlich wird sie immer beschäftigen. Das macht mir unglaublich viel Freude.“

Carmen sieht mich an.

„Denkst du daran, wieder mit dem Malen zu beginnen?“

„Ach, das habe ich bestimmt verlernt, befürchte ich“, weiche ich aus.

„Dann erlerne es doch wieder. Sei nachsichtig mit dir, sei geduldig. Mache dir doch dieses Geschenk.“

Ich schweige.

„Jeder Mensch, der das Glück hat, seine Passion gefunden zu haben, sollte diese ausüben, wenn es möglich ist. Findest du nicht auch, Anja? Was man liebt, das soll man tun.“

Sie sieht mich an, sieht meine Betroffenheit, wechselt feinfühlig das Thema.

Als ich eine Stunde später nach Hause gehe, spüre ich so etwas wie Zuversicht in mir, und ich freue mich darüber, dass Carmen und ich bereits ein weiteres Treffen vereinbart haben. Die dunkle Wolke über mir erscheint mir weniger düster, weniger schwer. Die nächsten Tage fühle ich mich unruhig, ich gehe viel spazieren. An einem sonnigen Nachmittag lege ich mich auf eine Decke in eine Wiese, sehe nach oben in den Himmel zu den Wolken.

Am Morgen darauf stelle ich meine Staffelei im Wohnzimmer auf. Ich öffne sperrangelweit das große Fenster, rücke die Staffelei davor, mische die Farben, hole tief Atem und sehe hinaus, zum Himmel empor. Ich konzentriere mich und beginne damit, den Himmelsausschnitt, den ich sehe, auf die Leinwand zu malen. Schon bei den ersten Pinselstrichen fühle ich mich wunderbar lebendig – und ich bin bestürzt darüber, so lange Zeit auf das Malen verzichtet zu haben. Nicht alles gelingt mir so, wie ich es gerne haben will, aber ich denke an Carmens Worte: ‚Sei nachsichtig mit dir, sei geduldig.‘

Ich strenge mich an, bin mal unzufrieden, dann wieder einverstanden mit dem, was entsteht: ein Wolkenbild, das ich Carmen schenken werde, mein erstes Wolkenbild seit Jahrzehnten.
Ich schließe kurz die Augen, und spüre, dass eindeutig keine schwere, dunkle Wolke mehr über mir ist. Und als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich weiße Wölkchen, Cirrus-Wolken, auf meiner Leinwand und am Himmel dahinter schweben.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 24149

 

Es fühlt sich richtig an

Plötzlich ist es still im Zimmer. Ich sehe von meiner Zeichnung auf, sehe dich ruhig in deinem Lieblingseck des Sofas sitzen, dein Oberkörper aufrecht, die Beine angezogen, in der Hand die Fernbedienung. Du hast den Fernseher auf lautlos geschaltet. Auf dem Bildschirm bewegen sich die Schauspieler in ihren Rollen, öffnen und schließen ihre Münder, fischähnlich.

„Ich möchte dich etwas fragen“, sagst du leise, „etwas Wichtiges.“

Du siehst mich nun an, deine Augen glänzen, du streichst eine Haarsträhne aus der Stirn. Ein heller Schimmer liegt auf deinem Gesicht, deinem Haar. Du strahlst eine derartige Intensität aus, dass ich nicht anders kann, als in das Fach unter dem Couchtisch und zu jenem Zeichenblock zu greifen, in welchem sich ausschließlich Skizzen von dir befinden, schiebe den anderen Block beiseite, schlage rasch deinen, den Lena-Block, auf und beginne dich zu skizzieren. Augenbrauen, Nase, Augenlider …

„Nein, nicht jetzt, bitte, lege es weg“, sagst du, und verwundert lasse ich den Bleistift sinken. Noch nie hat dich gestört, dass ich zeichne, während wir miteinander reden. So hast du mich kennengelernt, vor gut einem Jahr, in der Bibliothek: zeichnend, hast dich unter anderem auch deswegen in mich verliebt, so sagtest du mir Wochen später. Ja, es gehört zu mir, ich zeichne, wenn möglich, immer und überall, ob zuhause oder unterwegs, immer.

„Was ist, Lena? Nun sag doch, was willst du mich fragen?“

„Ja, also, wen hast du vorhin im Park gesehen?“

„Vorhin im Park? Ich verstehe nicht, wir haben doch die selbe Person gesehen, die alte Frau unter der Straßenlampe. Hier!“

Ich halte dir den Skizzenblock hin, nicht den Lena-Block, sondern den anderen, in welchen ich sogleich, nachdem wir nach Hause gekommen waren, das im Park Gesehene zu übertragen begonnen habe.

Auf dem ersten Blatt die Skizzierung einer alten Frau, unter dem Licht einer Straßenlampe stehend, und von uns beiden, die wir vom Parkeingang aus auf die Frau zukommen, diskutierend, beinahe streitend.

Wir debattierten über Jasmin und Ben, bei denen wir zuvor zu Besuch gewesen sind, und die sich in letzter Zeit, insbesondere seit der Geburt ihres Babys, so sehr verändert haben. Konservativ, klein-denkend sind sie geworden, Ben sowieso, aber auch Jasmin, meine Schwester, die ich doch von Kindheit an als Freigeist kenne. Aber diese Jasmin ist nicht mehr vorhanden, kreative Arbeit kein Thema mehr für sie, sie geht nun voll und ganz in ihrer Mutterrolle auf. Von Kinderpädagogik spricht sie nun, von Mutter-Kind-Gruppen, kein Wort mehr von ihren künstlerischen Projekten.

Mein Bleistift flog in ihrer überheizten Wohnung über gut dutzend Blätter, ich zeichnete und zeichnete: das Dauerlächeln, mit dem Ben und Jasmin ihr Kind bedachten, die Plüschtiere, die Spielsachen, die stillende Jasmin, Bens Doppelkinn, das lächelnde, das schreiende, das schlafende Baby. Und dich, wie du dies alles wohlwollend betrachtest. „Ich freue mich sehr für euch“, hast du mehrmals beteuert.

„Sie ist glücklich, sie liebt ihr neues Leben“, hast du Jasmin auf dem Nachhauseweg verteidigt und den Kopf geschüttelt, als ich meinte, wie unecht, wie gespielt alles auf mich gewirkt hat.

„Nur, weil Jasmin sich verändert hat, nur, weil du einen anderen Lebensentwurf, eine andere Einstellung hast, gibt dir das nicht das Recht, andere Lebensweisen geringer zu schätzen“, hast du gesagt.

Als wir dann die alte Frau unter der Straßenlaterne sahen, hörten wir zu diskutieren auf. Zu unwirklich wirkte die Szene. Die Frau stand unter dem Lichtkegel wie unter einem Spotlight, weißes leuchtendes Haar, gut gekleidet, charismatisch. Die Arme hochgeworfen, deklamierte sie mit lauter, melodischer Stimme Shakespeare. Doch etwas war irritierend an ihrer Haltung, an ihren Bewegungen, und dieser Eindruck verstärkte sich beim Näherkommen.

Du blätterst um, und du und ich betrachten meine zweite Skizze. Sie zeigt deutlich ein Flackern im Blick der Frau, etwas Unstetes, Verwirrtes. Ihr seltsam abwesender, beinahe versteinerter Gesichtsausdruck passt nicht zu ihrer theatralischen Gestik.

Die nächsten Skizzen zeigen eine desorientierte alte Frau, fern jeder Realität, eine, die ein Straßenlicht mit einem Scheinwerfer verwechselt, die einen Gehsteig zu ihrer Bühne erklärt. Um ihre gesamte Erscheinung ein Schleier von Verlorenheit.

Du siehst dir alle Skizzen an.

„Und ihren Begleiter?“, fragst du dann leise. „Ihn hast du nicht gezeichnet?“

„Ihren Begleiter?“

Ich denke nach. Ja, da war noch jemand. Ein alter Mann. Ich habe seine leise Stimme hinter mir gehört. Du hast mit ihm geredet, minutenlang oder auch länger, ich weiß es nicht, war ausschließlich damit beschäftigt, mir jedes Detail dieser faszinierenden alten Frau einzuprägen, sie innerlich zu fotografieren, wie du es nennst.

„Du hast ihn gar nicht wahrgenommen. Du hast ihn gar nicht angesehen“, sagst du, deine Stimme klingt traurig.

Du stehst abrupt auf, gehst unruhig im Zimmer auf und ab, barfuß.

„Ihr Mann, er hat mir viel erzählt. In der Art und Weise, wie alte Menschen mit einem reden, so, als ob sie dich schon ewig kennen würden. Er hat erzählt, dass sie seit Jahrzehnten ein Paar seien, dass sie früher tatsächlich Schauspielerin gewesen sei und nichts auf der Welt ihr so wichtig wäre wie die Schauspielerei, auch jetzt noch, trotz ihrer Demenz. Und für ihn, so hat er gesagt, gäbe es nichts Wichtigeres als sie. Er höre und sehe ihr so gerne zu. Früher, als sie auf der Bühne spielte, und heute, wenn sie eben manchmal unter Straßenlampen deklamiere.“

Du klatschst plötzlich in die Hände.

„Ach“, rufst du laut, „was er nicht alles gesagt hat! Er sagte: Es gibt Menschen, die haben sich einer Sache verschrieben, mit Leib und Seele, mit Haut und Haar, und das darf man ihnen nie nehmen. Er sagte: Mit manchen dieser Menschen kann man unbeschadet leben, aber es gibt welche, von denen sollte man lieber lassen, wenn man sich selbst, wenn man sein eigenes Leben liebt.“

Ich habe längst wieder einen Bleistift in der Hand, um dich auf Papier einzufangen, deine Art, auch mit den Händen zu sprechen, die Schultern ein wenig hochzuziehen, den lebhaften, dann wieder nachdenklichen Ausdruck in deinem Gesicht, das Leuchten in deinen Augen.

„Er sagte: Ich liebe sie. Es fühlt sich richtig an, mit ihr, auch jetzt, in ihrem Zustand. Denselben Satz hat auch deine Schwester gesagt, als sie ihr Baby hielt: Es fühlt sich richtig an.“

Du bleibst vor mir stehen, wirfst einen kurzen Blick auf meine Zeichnung, siehst dann mich an. Du lächelst.

Ich zeichne dein Lächeln.

„Ach du“, sagst du zärtlich, „wie lange wartest du schon insgeheim darauf, dass ich aufhöre zu reden, dass ich dich allein lasse, damit du beginnen kannst, deine Skizzen auf die Leinwand zu übertragen?“

„Lena, du kennst mich doch. Du weißt ja, dass ich nur malen kann, wenn ich ungestört, wenn ich allein bin.“

„Ja, natürlich“, sagst du. „Ich kenne dich.“

Du küsst mich, gehst aus dem Zimmer, schließt leise die Tür.

Ich nehme meinen Skizzenblock, den mit der alten Frau im Park, gehe damit auf die Mansarde, zu meiner Staffelei, zu meinen Farben, in meine Welt.

Am nächsten Morgen bist du nicht mehr da.

Als ich spätabends von der Galerie nach Hause komme, sind alle deine Sachen weg, Kleidung, Laptop, Bücher. Auf dem Holztisch in der Küche liegt ein neuer Skizzenblock. Daneben eine weiße Leinwand, im für mich passenden Format, und, liebevoll arrangiert, Acrylfarben, Kohlestifte, Bleistifte, jene, die ich am liebsten verwende. Du kennst mich.

Du hast mir keinen Brief, keine Nachricht hinterlassen.

Ich schlage den neuen Block auf und beginne zu zeichnen. Ich skizziere deine Abwesenheit. Dein unbenutztes Lieblingssofaeck, das Bücherregal, in dem deine Bücher fehlen, die Wand ohne deine Fotocollagen, das leere Schuhregal. Ich zeichne dein Gesicht, den Glanz in deinen Augen, deine Hand, die eine Haarsträhne aus der Stirn streicht, zeichne dich, barfüßig durch das Zimmer schreitend.

Später, im Mansardenzimmer, male ich dich auf dem Sofa sitzend, deine angewinkelten Beine, deinen aufrechten Oberkörper. Es gelingt mir, den Schimmer deiner Haut, deines Haars wiederzugeben. Von der Leinwand aus siehst du mir direkt in die Augen.

Es fühlt sich richtig an.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 24139

Manuela

„Hast du gestern „Tarzan in Gefahr“ gesehen?“, fragt Manuela.

Wir spazieren durch den lichten, kleinen Eichenwald am Rande unseres Dorfes. Manuela geht zwei Meter vor mir. Ihr langes Haar fällt in hellen Strähnen über ihren Rücken. Mit ihrer rechten Hand schwingt sie energisch einen Stock und schlägt ihn hin und wieder gegen Sträucher und Baumstämme.

„Ja“, antworte ich geistesabwesend.

‚Sei doch still‘, denke ich. Ich stelle mir nämlich gerade vor, eine wunderschöne Prinzessin zu sein. Der Wald hier gehört zu meinem riesigen Reich. Manuela ist meine Zofe; sie hält mir den Weg frei und beschützt mich vor Schlangen und Wölfen. Es belustigt mich, dass Manuela nichts von der Rolle weiß, die ich ihr insgeheim zugeteilt habe.

„Und, ist dir etwas an Tarzan aufgefallen?“, stört Manuela schon wieder. Ihre Stimme klingt ungeduldig.
„Na? Ob dir etwas aufgefallen ist, will ich wissen!“

Redet so eine Zofe mit einer Prinzessin?
„Nein“, sage ich und fühle mich unbehaglich.

„Dann höre mir jetzt gut zu.“
Manuela bleibt abrupt stehen, lässt ihren Stock fallen, dreht sich um und fixiert mich aus zusammengekniffenen blauen Augen. Fast wäre ich gegen sie gerannt.
„ICH war der Tarzan im Fernsehen!“ Triumphierend streckt sie ihr Kinn nach vor.
„Blödsinn! Du bist doch viel kleiner als der Tarzan.“
„Ich bin auf Stelzen gegangen und manchmal auf einem Schemel gestanden“, sagt sie schnell und blinzelt mich listig an. „Natürlich immer so, dass die Zuseher es nicht erkennen können.“
„Ach, Manuela, du bist ein Mädchen, hast blonde Haare – du bist das pure Gegenteil von Tarzan!“

Ich schüttle den Kopf, gehe an ihr vorbei, weiter den Waldweg entlang.
„Schon etwas von Schminke gehört und von Perücken, du Dummi? Glaube mir, die können viel, die im Fernsehen. Sie haben mich so toll geschminkt, dass ich wie Tarzan aussah. Echt, ich schwöre!“, läuft sie aufgeregt neben mir her.
„Da, schau!“

Sie überholt mich, stellt sich mir in den Weg und zieht den rechten Ärmel ihres Pullovers hoch. Ich sehe einen großen, blauen Fleck auf ihrem Oberarm.
„Hier haben mich die Elfenbeinjäger verletzt, als sie mich gefangen nahmen. Aber Chita hat mich dann zum Glück befreit.“
Manuela öffnet weit ihren Mund, legt ihre Hände herum, den Kopf in den Nacken, und brüllt: „AAUUAA HHUUAA!!! Das war der echte Tarzanschrei! Was sagst du jetzt?“
„Du hast Mundgeruch“, sage ich.
Manuela blitzt mich wütend an.
„Du bist nicht mehr meine beste Freundin“, zischt sie.

Sie dreht sich weg und setzt sich auf einen Baumstumpf.
„Und tschüss“, sagt sie böse, ohne mich anzusehen.
Etwas ratlos stehe ich da. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Manuela vorsichtig eine große Weinbergschnecke von dem Baumstumpf löst, auf dem sie sitzt. Die Schnecke zieht sich sofort in ihr Haus zurück. Manuelas linke Hand greift sich einen Stein und schlägt damit in kurzen Abständen auf das Schneckenhaus zwischen Zeigefinger und Daumen in ihrer rechten. Die Schale bricht. Ich sehe nackte, feuchte Schneckenhaut schimmern.
„Was machst du da?“, rufe ich fassungslos.

Manuela wirft den Stein weg und bricht konzentriert ein kleines Stück Schale vom Schneckenhaus ab, dann das nächste.
„Tja, meine Liebe, andere Schnecken haben auch keine Häuser“, sagt sie im sanften Tonfall.
„Spinnst du? Das arme Tierchen!“
„Ah, wegen einer Schnecke regst du dich auf! Aber dass mich die Elfenbeinjäger gestern schwer verletzt haben, das lässt dich völlig kalt!“
Manuela springt auf und wirft die Schnecke in einen Strauch.
„Du bist echt keine Freundin!“

Ich möchte etwas entgegnen, als plötzlich ein Radfahrer den Waldweg einbiegt und abbremst, als er uns sieht. Es ist Robert aus der Klasse über uns, den weder Manuela noch ich leiden können.
„Guten Tag, die Damen“, grinst er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Auf Wiedersehen, der Herr“, Manuela ist aufgesprungen und zieht mich am Ärmel.
„Komm, Nora, gehen wir.“

Doch Robert fährt langsam neben uns her, als wir losgehen.
„Wie geht es denn deinem Vater? Hat er sich schon erholt?“, fragt er Manuela, die starr geradeaus blickt und schneller geht.
„Meine Mutter hat ihn nämlich gesehen, weißt du“, sagt Robert im Plauderton an mich gewandt, „gestern Vormittag, als sie auf dem Weg zur Arbeit war.“
„Hör auf, du Vollidiot!“, schreit Manuela mit plötzlich hochrotem Gesicht und schubst ihn mit dem Ellbogen, fest, so dass er beinahe vom Rad fällt.
„Ihr Vater ist mitten auf dem Gehsteig gelegen, stockbesoffen, am helllichten Tag …“
„Halt dein blödes Maul! Schleich dich, du Lügner, sonst …“ Manuela hat blitzschnell einen großen Stein in der Hand, hält ihn in Wurfposition.

Robert schaut Manuela an, den Stein, dann mich.
„Suche dir besser eine andere Freundin!“, ruft er mir zu, während er sein Rad wendet und wegfährt. „Die da ist ja echt das Letzte.“
Manuela schleudert ihm den Stein nach, er bleibt einige Meter von uns entfernt liegen.
„Und du bist das Allerletzte!“, schreit sie.
„Du glaubst doch diesem Lügner nicht“, sagt sie zu mir. Tränen treten in ihre Augen. Ungeduldig wischt sie sie weg, doch es kommen neue. Sie tut mir leid.
„Komm, vergiss es, gehen wir zu mir“, sage ich.
Schweigend gehen wir den Waldweg entlang, dann durch die zwei kurzen Gassen bis zu meinem Elternhaus.

Wenig später sitzen wir still in meinem Zimmer und malen.
Ich male eine wunderschöne Prinzessin, die allein in ihrem gepflegten Schlossgarten unter einem Baum steht. Manuela lässt auf ihrem Blatt Papier eine dunkelrote Sonne in einem wilden, tiefblauen Meer versinken. Wir verwenden Deckfarben.
Ich tauche den Pinsel ins Wasser, dann in die schwarze Farbe und beginne, zum Schutze der Prinzessin eine hohe Mauer um den königlichen Garten zu malen.
„Hast du gestern nach Tarzan „Superman in Not“ gesehen?“, fragt Manuela plötzlich.
„Superman? Hat es gestern nicht gespielt.“
„Doch, gestern war Superman im Fernsehen, um acht Uhr. Das weiß ich ganz sicher, denn ICH WAR Superman.“

Ich sage nichts, arbeite konzentriert an meiner Schlossmauer weiter.
„Du glaubst mir nicht! Dabei bin ich auch über euer Haus geflogen. Ich habe sogar an dein Fenster geklopft, aber du hast schon geschlafen. Über das ganze Dorf bin ich geflogen! Ich habe Saltos geübt, hoch oben, und dann – dann habe ich mich an der Kirchturmspitze verletzt. Es hat furchtbar wehgetan! Da, schau her, wenn du mir nicht glaubst!“
Sie springt auf, wendet mir den Rücken zu und zieht ihren Pullover bis zu ihren Schulterblättern hoch.

Erschrocken sehe ich blaue Flecken und rote Striemen auf Manuelas Haut.
„Und, glaubst du mir jetzt?“ Manuela zieht den Pullover wieder hinunter, dreht sich zu mir.
„Manuela“, flüstere ich schockiert. „Wer hat das getan? War das dein – ?“
„Du bist so gemein!“ Manuela schießen Tränen in die Augen. „Ich habe dir doch vorhin erzählt, wie es passiert ist. Nie glaubst du mir. Du bist nicht mehr meine beste Freundin!“
Sie greift fahrig nach ihrem Zeichenblatt, zerknüllt es und wirft es auf mich.
Abwehrend fange ich es mit der linken Hand und sehe, wie das Blau ihres Meeres vermischt mit dem Rot ihrer Sonne über meinen Handrücken rinnt.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 24120

Katzenmädchen

Geweint hatte sie, die Nachbarin vom dritten Stock, als du ihr zufällig im Stiegenhaus begegnet bist. Geweint vor dir, einer ihr relativ Unbekannten, und auf dein behutsames Nachfragen stockend erzählt, soeben erfahren zu haben, dass ihr Bruder einen schweren Autounfall gehabt hat, dass sie zu ihm wolle, für ein, zwei Wochen, mit dem nächstmöglichen Flug, nach Berlin, unbedingt, zum Bruder, der dort im Krankenhaus liege – sie wisse jedoch niemanden, der ihre Katze während dieser Zeit versorge. Du hast nicht eine Sekunde gezögert und ihr deine Hilfe angeboten.

Ben hast du nicht davon erzählt, um dir seine Kommentare zu ersparen.

Bereits einige Stunden später streichelst du die Katze in der fremden Wohnung, ein zartes Tier, das sich sogleich vertrauensvoll an deine Beine schmiegt. Du genießt es, das weiche Fell zu berühren.

In deiner Kindheit sind ständig Katzen um dich gewesen. In deinem Elternhaus, bei den Großeltern, bei Freundinnen. Du liebtest das.

Ben hingegen mag keine Haustiere.

Als du Katzenfutter in eine Schüssel gibst, hörst du ihn innerlich nörgeln: „Typisch für dich. Als ob du nichts anderes zu tun hättest. Du musst lernen, Nein zu sagen.“

Zugleich taucht ein Bild in dir auf: du, als kleines Mädchen in Omas Stube. Wie so oft streichelst du eines ihrer Kätzchen, das auf deinem Schoß liegt.

„Katzenmädchen“, sagt Oma, von einer Stickarbeit aufblickend, zärtlich zu dir. „Mein Katzenmädchen.“

Wie sanft doch Omas Stimme in deinem Inneren die tadelnde von Ben unterbrochen hat! Es treibt dir Tränen in die Augen.

Du hast deine Oma lange nicht gesehen, dein letzter Besuch bei ihr liegt Monate zurück. Damals ist Ben mitgekommen. Zum ersten und sicherlich letzten Mal. Er hat sich unwohl gefühlt in der überheizten, altmodischen Stube, hat sich geekelt, vor den Katzenhaaren am Sofa, vor Omas abgetragener Kleiderschürze, ihrem selbstgemachten Kompott, und sich kaum bemüht, dies zu verbergen. Oma hat offensichtlich nichts bemerkt, naiv hat sie euch beiden immer wieder Hände und Wangen getätschelt. Du hast dich geschämt. Für sie, für ihn.

Deine alte Welt bei Oma, deine neue Welt mit Ben, sie passen nicht zusammen.

Du solltest nun gehen. Jeden Moment wird Ben nach Hause kommen, heute mit seinen beiden Kollegen. Projektbesprechung. Du hast Sushi für sie vorbereitet. Die Kollegen werden Ben um dich beneiden: rare Momente, in denen Ben stolz auf dich ist.

Oma ist nie stolz auf dich. Ihre Liebe zu dir ist immer gleichbleibend, unabhängig von Leistung, Erfolg oder Misserfolg.

Dein Handy läutet. Ben. Du ignorierst seinen Anruf. Wie müde du plötzlich bist. Du legst dich auf die Couch im Wohnzimmer. Wohltuende Stille um dich. Die Katze springt zu dir. Du streichelst sie. Die Katze schnurrt, schläft dann ein auf deinem Bauch. Wieder Handyläuten. Nein, flüsterst du, nein. Du weinst.

Später dann, viel später, nimmst du das Handy, drückst auf eine Nummer, wartest sehnsüchtig. „Oma“, sagst du leise, als du den vertrauten Klang ihrer Stimme hörst.

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 24110