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- Alleshaber und Vielkrieger
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- Auf die Nerven
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- Die Bar Diana
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- Einsam
- Das Ende des Vogelsangs
- Es war erst gestern
- Das Examen
- Herbststurm
- Die Hochzeit
- Hymne auf einen bemerkenswerten Vogel
- Irrenhaus in Hinterwald - Teil 1
- Irrenhaus in Hinterwald - Teil 2
- Eine jagdliche Szene
- Kapuzinergruft
- Kein Typ fürs Grobe - Teil 1
- Kein Typ fürs Grobe - Teil 2
- Kein Typ fürs Grobe - Teil 3
- Ein Kind unserer Zeit
- Die Klavierstunde
- Klavierstunde lyrisch
- Die Krise 1 - Die Vernissage
- Die Krise 2 - Der Bürokrat
- Die Krise 3 - Der Deal
- Die Krise 4 - Der Reiz des Geldes
- Die Krise 5 - Innere Zweifel
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- Männerhölle
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- Nicht ohne dich
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- plugged
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- Vertrieben
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Kategorie-Archiv: Norbert Johannes Prenner
Die Vipern
Es war’n einmal zwei Schwestern,
die fanden immer Zeit zu lästern
und brachten alles aus dem Lot,
wann immer sich Grund dafür bot.Sie wär’n zwei gift’ge Vipern,
sagt man, vor denen alle zittern.
‘Ne grüne und ‘ne gelbe.
Im Grunde doch dasselbe.
Kann man sie unterscheiden?
Wohl kaum. Trotzdem sollte man sie meiden.Es war’n einmal zwei Schwestern,
die krall’n sich einen Mann.
Nebensache wie der Piep-,
vielmehr der Geldhahn tröpfeln kann.Der Gelben ihrer, etwas krank,
der hatte viel mehr Geld im Schrank
als manch so and’re fesche Freier,
den zieht sie vor, zur Hochzeitsfeier.Als die Mama noch am Leben,
bleibt die Gelbe an ihr kleben.
Einkaufen? Sie folgt im Nu,
und bettelt Mutti, Mutti, Mutti, du!
Von Besitzgier stets getrieben,
wenn Mama shoppt, gibt’s was zu kriegen.Als am Ende ihrer Tage
Mutter siecht in Pflegelage,
Gelb meint, man muss unbenommen
retournier’n, was man bekommen.
An Mutters Bette wachen wär
ein paar Stunden nicht so schwer.
Dies Elend könne sie nicht seh’n,
meint die Gelbe, ich muss geh’n,
zur Nachbarin von nebenan,
weil man mit der noch reden kann.Die Grüne wählte übers Jahr,
aus Liebesfrust – Amerika,
wo sie ‘nen sechzehnjähr’gen Knaben,
verführt zu manchen Liebesgaben.
In Texas. Jessas!
Und im Heu. Moi!Die gelbe Viper hat zwei Kinder,
ihr Mann wird leider nicht gesünder.
Trotz Nerz und Kenia unzufrieden,
ist sie sehr bald von ihm geschieden.
Nicht ohne Nutzen, wer sie kennt,
sie bringt ihn fast ums letzte Hemd.
Nun hat sie Haus und Hof und Grund.
Und er muss zahl’n, der arme Hund!
Arbeit war für Gelb kein Thema,
Nehmen war schon mehr ihr Schema.Indes stellt sich heraus bei Green,
Bauchschmerzen sind bloß die Weh’n.
Der Sturm der wilden Liebeswogen,
lässt rasch nach und scheint verflogen.
Die grüne Viper, wenn gereizt,
niemals mit Aggressionen geizt.
Sie schmetterte mit leichter Hand,
einst ‘ne Gitarre an die Wand,
vom Neffen, der so nervt.
Das hat die Situation verschärft.
Auch macht die Grüne gern auf süß,
gibt ihrem Qualzuchthund a kiss,
und flötet Bussi Bussi, tutziwutzi,
wo is denn bloß mein Hundeputzi?
Zack! Da kracht dem Papa cool,
auf den Schädel flugs ein Stuhl!
Von der Viper gut getroffen.
Es bleibt der Mund vor Staunen offen!Die Haushaltshilfe flieht entsetzt,
fühlt sich in Kriegszustand versetzt.
Wer abfällig „vom Voda“ spricht,
mit solchen geht sie ins Gericht.
Das ist immer noch der Papa!,
alles and’re wäre Kacka!
So ist ihre Art zu fighten,
besser sich nicht mit ihr streiten.
Nebst bemerkt hat der Papaaa, für sie,
und ‘s Bankert, USAAA!,
ein Haus gebaut. Wie steht am Land
man sonst denn daaa?Ach, Green, so wie es bisher schien,
kann mit tief gesenktem Blick
sehr gut vor dem Altere knien.Die Gelbe scheint es nicht zu stören,
wenn Gastgeber sich dran empören,
den Sekt, als ein Geschenk gebracht,
nimmt sie mit, ohne Bedacht.
Ihr braucht ihn eh nicht, stellt sie fest,
und damit den Ort verlässt.
Am Feste, in Familienglück,
lehnt sie sich entspannt zurück.
Ihr genüber sitzt der Schwager,
trinkt ein Bier, wahrscheinlich Lager,
grad nicht besonders unterwegs.
Jeder weiß es, er hat Krebs!
Krebs, lacht sie, krieg ich wohl keinen,
mein Rezept ist, ich tu weinen!Beide Schwestern haben
von den Eltern, schon vor Jahren,
Grundstücke, die Bauland waren.Etwas höher im Semester,
gibt es eine dritte Schwester.
Als es nun zum Erben kam,
fall’n die Vipern, gar nicht zahm,
heftig über diese her,
einen Pflichtanteil zu kriegen,
was höchst unmoralisch wär.
Demnach haben sie entschieden,
drei Zeilen Wingert und ein Studium
würden dafür längst genügen.
Und sie stimmten überein,
gierig wär sie und gemein.Muss man nun am End’ nicht sagen,
was wär scheußlicher zu fragen, ob es stört,
maßloses Verlangen haben, nach dem,
was anderen gehört?
Oder zu Gefühlen neigen,
die einem selbst nicht mal zu eigen,
um sie über die Gebühren
anderen bloß vorzuführen?
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 25078
Männerhölle
In den Unruhstand gerettet,
gleich mal seh’n, wohin man jettet,
jedoch davor noch eine Hürde.
Ob man dennoch nicht mal würde,
zur Gesundenuntersuchung geh’n?,
meint das Weib, du musst versteh’n,
ich will einen fitten Alten, am Strand,
und überhaupt,
nicht nur bloß zum Handerlhalten.Männer sind ja, wie man kennt,
vor Beratung resistent.
Sollt’ ich meinen Stand verraten?
Lieber ins Kaffeehaus waten?
Besser noch, ins Kino geh’n?
Doch mein Hasi riecht den Braten.
Den Befund? Den will sie seh’n!Cowboyschritt hin zum Labor.
Enge Jeans und Stiefeletten,
wie Clint Eastwood, täuscht man vor,
Unrasiert würd’ man auftreten,
hart und rau. Oui, je suis d’accord!
Da unten mal für Ordnung sorgen,
wie Kilgore, bei Coppola.
Lieutenant Colonel glaub ich?
Griff ans Gemächt, na hoppala!Beim Blutdruck fragt die Laboröse,
was ist das denn für ein Getöse?
Jetzt sagen Sie, wos homma do?
Anwort; Nix, is immer so!
Bloß nichts zugeb’n, wär ja g’lacht,
dass man sich noch Sorgen macht!
Erleichtert geht man auf ein Bier,
Prostata! Drauf trinken wir!Auf diesem Mail hier steht kein Kitsch,
ernstzunehmende Messitsch!
Geht recht hart an den Humor.
Roter Marker beim Tumor!
Was zum Henker steht geschrieben?
PSA, mit Nummro sieben?
Herz rutscht hurtig in die Hose.
Nur ein Griff zur off’nen Dose
bringt,
Linderung in höchster Not.
Grauenhaft, was sich hier bot!
Das zu lesen, jetzt und hier!
Prostata! Drauf trinken wir!Die Frage ist, was kann man tun?
Hasi steht nur ratlos rum.
Vielleicht einmal paar Freunde fragen,
hören, was Erfahr’ne sagen.
Innsbruck wär der heiße Tipp!
Dorthin führt der nächste Trip.
Eastwoodgang scheint längst passé.
Schauspiel offline, waß ma eh.
Gang sieht aus nach Kreuze kriechen,
Einstellmodus Richtung Siechen.In Innsbruck trifft ein Radiologe
schon nach kurzem Dialoge
rasch auf eine heikle Stelle,
von der er schließlich hielt,
dass sie zu beachten gilt.
Er überweist, mir vis-à-vis,
mich zu einer Biopsie,
wobei er hofft, von mir zu hören
um die Sache abzuklären.Banges Warten im Spital,
Gleich beginnt das Infernal.
Die Position im birthing stool
is’ alles andere als cool.
Sechzehn superschnelle Pfeile
schießen, sehr zu meinem Leide,
tief in meine Eingeweide.
Stundenlang dauert der Schmerz,
noch danach, ganz ohne Scherz.
Schon seh ich meinen Stern im Sinken,
Prostata! Drauf woll’n wir trinken.Bei Therapist in shabby chic,
hab ich leider gar kein Glück.
Unverblümt macht sie mir klar:
Gleason-Score, Wert drei sogar,
general anesthesia.
Photonendosis volles Rohr,
das kommt mir ziemlich komisch vor.
Worin frag ich, liegt hier der Sinn?
Hinterher is alles hin.
Artig sag ich: Dankeschön!
Bye, bye, bis bald, auf Wiederseh’n.
Keine Sekunde bleib ich hier.
Prostata! Drauf trinken wir!Geht’s nicht weiter, wird’s nicht besser,
sucht man nach einem Professor.
So einer ist rasch gefunden.
Der verrechnet nach Sekunden
und der Deal wird rasch verhandelt,
Gleason drei wird nicht behandelt!
Freu mich, da gibt’s eine Chance,
nämlich, active surveillance.Schnell vorbei ist brav und bieder,
es erwacht Clint Eastwood wieder.
Auf dem Weg hierher es gab,
wie gerufen, auch ein Pub.
Tisch und Hocker vor der Tür,
Prostata! Drauf trinken wir!Nun sind fast zwei Jahr’ vergangen,
und Corona abgefangen.
Wieder geht man ins Labor.
Scheiße! Nun steht elf davor!
Vor der Elf steht der Professor,
seine Worte, like Kompressor.
Herz klopft wild, mein Kopf wird rot,
in zwei Jahren sind Sie tot!
Wenn wir nicht sofort was tun,
werden Sie auf ewig ruh’n.
Angst sitzt in den Eingeweiden,
sehe schon mein End’ erleiden.
Im Kopf geht’s wie im Kreis herum!
Alles umsonst? Es ist zu dumm!
Weib, Kind und Studium.
Grad jetzt, wo fern die Freiheit rief,
nun droht des Todes fieser Mief.
Wie’s weitergeht? Am End’ kein Licht!
Prostata! Wir trinken nicht.
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25077
Klavierstunde lyrisch
Ungemach steckt schon im Namen,
Bösendorfer, mit Stahlrahmen.
Schwarz und mächtig anzusehen,
für mich gebaut zum Untergeh’n.Für die Erzeugung, als Garanten,
sterben dafür Elefanten.
Darauf ist man auch noch stolz.
Fallen Tiere wie auch Wälder,
Elfenbein und Ebenholz!
Weit geöffnet steht sein Maul.
Hast geübt oder warst faul?
Achtundachtzig Tasten gieren
nach den Fingern, die sich zieren,
sie ganz leicht nur zu berühren,
bloß jetzt keine falsche Note,
denn wer weiß, vielleicht gibt’s Tote?Klavier, du Tier!
Wenn ich an dich denke,
zittern mir die Handgelenke,
zittern mir die Knie!
Doch auf dir spielen
wollt’ ich nie!
Ich schwör’s. Tu ich’s wieder,
wär’s pervers.Sitz ich auf der Folterbank,
kramt die Lehrerin im Schrank.
Sucht nach einem Lineal
aus Holz, von anno dazumal.Rammt es mir dann voll Entzücken,
wenn ich krumm sitz, in den Rücken.
Der Deckel auf die Finger knallt,
wutentbrannt und killerkalt.
Spielt man eine falsche Note,
gibt’s was auf die kleine Pfote.Die Träne quillt,
die Nase rinnt,
Klaviermusik erfreut das Kind.So billig kommt man nicht davon,
die Lehrerin spielt den Talon.
Du erkennst den jähen Schmerz,
und was weh tut, ist kein Scherz.
Gleich in Wirkung, allerort,
wenn sich der Pfahl ins Fleisch reinbohrt.Hängt die Hand zu weit nach unten,
wird dagegen was gefunden
und des Bleistifts spitzes Ende
bohrt sich in des Schülers Hände.
Flugs hebt sich das Händchen wieder,
Tasten klappern auf und nieder.
Korrekte Stellung wieder da!
Sine misericordia.Alljährlich steh’n aus bestem Hause
Söhne wie auch Töchter an,
sich im Wettbewerb zu üben,
wer’s besser und noch schneller kann.Erstaunlich klingt mir eine Kunde,
beim Klavierspiel zum Befunde,
es demnach nicht nötig wär,
und schon gar nicht hinterher,
einem Mädchen voller Lust,
von hinten an die Brust zu fassen,
denn das wär zu unterlassen.Ein so bedeutendes Ergebnis
ist mitnichten ein Erlebnis.
Wenn man dafür einen bestellt,
der die Sache erst erhellt.
Einen Professor für Klavier
braucht es für die Sache hier.
Unter Eid, dass ich nicht lache,
als Verständigen der Sache.Das Drama dieser Episode
um den Wert der Drahtkommode
endet hiermit mit dem Schluss,
dass man vieles kann, nicht muss.Wie auch immer,
ich spiel nimmer,
nicht con brio, bloß sordino
oder tacet, mihi placet.
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25074
Einsam
Welch eine Gnade Gottes ist doch das Alleinsein! Niemandem Rechenschaft abgeben müssen, was man den ganzen Tag über getan oder nicht getan hat! Keine dummen Fragen beantworten müssen, keine Fragen stellen müssen. Du bist einsam! Einen Dreck, entgegne ich. Das ist was anderes, füge ich hinzu. Ich bin nicht die Miss Sophie. Du verwechselt was, sage ich verärgert. Und ich kann mir meinen Himbeersaft noch alleine eingießen, brauche keinen Butler James dazu. Ich sitze nicht an einer langen Tafel und mir gegenüber ist kein Gedeck für Gespenster aufgedeckt, mit denen zu speisen ich mir heimlich vorstelle. Ich brauch tatsächlich niemanden. Außer meiner geliebten Frau. Das muss ich zugeben. Dann bist du nicht allein. Doch, wenn ich eben allein bin. Das soll ja hin und wieder vorkommen. Ich genieße es, allein zu sein. Ohne Sir Toby, ohne Admiral von Schneider, ohne Mister Pommeroy und ohne Mister Winterbottom. Aber warte, bis du alles überlebt hast und du wirklich alleine hier sitzt, sagst du. Na und?, inszenier ich mir meine Abendessen eben selbst!, antworte ich kühn. Und Weihnachten? Silvester? Was ist an deinem Geburtstag? Das macht mich nachdenklich.
The same procedure as every year, füge ich an. Eben, allein, pah! Aber ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut. Nun, noch ist es ja nicht so weit, denke ich. Bis dahin werde ich mir schon alles zurechtlegen. Zurechtlegen, ja. Ich sage das sicherheitshalber zweimal vor mich hin, um der ganzen Angelegenheit mehr Gewicht zu verleihen. Ich weiß nicht, ob Einsamkeit eine Strafe ist. Manche behaupten das allerdings. Einsamen fehlt ganz einfach das Gefühl, von anderen beachtet zu werden. Mir ist das egal. Lügner. Halt’s Maul! Ich suche und finde meine persönliche Anerkennung und Gebrauchtwerden in mir selbst. Ja, das sieht man. Wie viele Bücher sind von dir im Umlauf? Und wehe, wenn du nicht gelobt wirst. Da möchte ich dich sehen! Ich konversiere derzeit nicht mit dir, sage ich überheblich.
Einsamkeit, die kommt nicht einfach so auf einen Schlag. Die sickert so langsam und stetig in dein Leben, und du bemerkst es gar nicht. Irgendwo bei einer Veranstaltung, einer Ausstellung meinetwegen oder vor dem Fernseher, ehe du ihn abdrehst, bevor du allein zu Bette gehst, weil niemand hier ist. Oder denk mal nach, wenn dir der Tod einen deiner Liebsten nimmt, so mir nichts dir nichts, ohne dich zu fragen. Was ist dann? Ich räuspere mich. In meinem Gehirn arbeitet es fieberhaft. Plötzlich ist das Kinderzimmer leer. Hör auf! Doch, gewöhn dich dran. Ich denke nach. Ja, aber – ja, es ist leer. Aber doch nur für ein paar Wochen, weil das Jüngelchen zum Studieren ist. Der kommt ja wieder. Ich wünsch es dir. Sag nichts, was du später bereuen wirst, entgegne ich stur. Und das andere Bubi? Das ist verheiratet. Das ist etwas anderes. Den kann ich jederzeit sehen, wenn ich will. So möge es sein. Is’ aber so, sage ich trotzig.
Prominente sollen zuweilen auch einsam sein, wer weiß? Wenn der Star am Himmel zu verblassen beginnt, könnt ja sein, nicht? Was macht man dann ohne den ganzen Rummel? Fernsehen? Auch fad. Wenn man einsam ist, soll einem das ein Warnsignal sein, sagen die einen. Ich selbst habe immer weniger oft den Wunsch, dazuzugehören. Angeber! Darauf antworte ich nicht. Bitte, eben nicht! Kann sein, dass sich mein Leben irgendwie verändert hat. Kann aber auch nicht sein. Vielleicht hat sich da draußen was geändert, dass ich es nicht mehr so sehr begehre? Oder ich leide an Mangel an Vertrauenspersonen, an Typen, an die ich mein Herz hänge und von denen ich erhoffe, erhofft habe, dass sie es umgekehrt genauso tun würden.
Freunde! Was sind eigentlich Freunde? Ich habe sie im Dutzend während meines langen Lebens verbraucht. Sie sind mir abhandengekommen. Keine Ahnung in den meisten Fällen, wie es dazu kommen konnte. Auf einmal waren sie weg. Hab ich mich zu wenig um sie gekümmert? Sie zu wenig bewundert? Ihren Kommentaren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt? Dem einen, der stundenlang über dies und das so völlig belanglos dozieren konnte, wenn genügend Publikum vorhanden war? Auf den könnte es zutreffen. Irgendwann habe ich es aufgegeben, durch ein paar kümmerliche gut und klug gemeinte Zwischenrufe die Zuhörer auf mich aufmerksam zu machen. Vergebens. Es war todsicher sein Publikum.
Man kann nie genug neue Freunde haben, sagen manche, vor allem deshalb, weil einen die alten auf die Dauer nicht mehr genügend bewundern würden. Auf den trifft diese Feststellung sicher zu. Wie ich es auch dreh und wende, im Laufe der Jahre sind sie mir alle irgendwie auf den Sack gegangen, mit ihren Ängsten, Nöten, mit ihrem ewigen Geprahle von irgendwelchen Neuanschaffungen und dem andauernd mies schaugespielten Postitiv-Sein, wenn ich verdammt nochmal negativ sein wollte, eben weil es eine beschissene Welt ist und eben deswegen, weil es keinen Sinn macht, sie schönreden zu wollen. Sie, diese Welt, ist eben wie sie ist, ohne Tatütata daran herumlobzuhudeln, das hab ich schon gefressen. Du alter Pessimist! Ruhe auf den billigen Plätzen. Mach die Zeitung auf, dann kapierst du, was ich meine.
Freunde! Pah! Das sind Menschen, sage ich, die dich nur dann einladen, wenn du von Nutzen bist für sie. Nicht unbedingt gleich materiell, aber potenziell, wenn sie einen Witzeerzähler brauchen, eine Lachnummer, einen billigen Star, der nix kostet, aber der seinen Beitrag für die Allgemeinheit leistet. Freunde, das sind solche, die dich nie von selbst anrufen würden, die dir aber vorwerfen, dass du sie nicht anrufst, wenn du sie eben anrufst. Freunde, das sind solche, die alles, was du machst, als selbstverständlich hinnehmen, denn selber würden sie ja noch viel tollere Sachen anstellen, das kannst du dir gleich hinter die Ohren schreiben.
Freunde sind welche, die dich klassifizieren, beurteilen, die dich genau kennen, die sofort wissen, wo deine Stärken liegen, vor allem aber deine Schwächen, die kennen sie genau. Solche sind das, die dir ins Gesicht sagen, was du besser kannst, denn die wissen das genauer als du selbst. Freunde sind solche, die schon bei Kleinigkeiten umfallen, wenn’s mal ein wenig schärfer hergeht. Selbst vertragen sie keine Kritik, aber kritisieren ständig an dir herum. Du musst eine Therapie machen, du musst dies und jenes tun, damit du … Das kennen wir ja zur Genüge. Aber selbst setzen sie keinen Schritt zur eigenen Veränderung ihrer Göttlichkeit. Eben deshalb.
Alleinsein, ach, das hat was! Befreiend! Läuternd! Wohltuend! Hoffentlich kommt heute niemand, ist ein alter Stehsatz von mir. Auf den bist du auch noch stolz, was? Geht dich nichts an! Kommt noch jemand? Nein? Dann kann ich ja ungestört in Unterhosen rumlaufen, super! So hab ich das gemeint. Der Gürtel spannt ja ohnehin bloß um die Leibesmitte. Und auf niemanden Rücksicht nehmen müssen! Ist das nicht überirdisch? Du bist emotional verflacht, sagen die! Dass ich nicht lache! Ein emotionaler Flachwurzler, der leicht umfällt. Unsinn! Pessimisten sind schon einmal anfällig für Einsamkeit.
Ich würde mich zu wenig mitteilen, sagen die. Zum Totlachen! Besonders, wenn es um tiefere Gefühle geht. So ein Schwachsinn! Wenn einer solche Persönlichkeitsstrukturen wie du aufweist, hat er Probleme mit Kontakten. So ein Schmarrn! Früher, da war ich ein ausgekochter Partytiger, das kannst du mir glauben. Da hat es kein Weibsstück gegeben, das vor mir sicher war. Sicher, ja, früher! Wir reden aber vom Jetzt. Jetzt! Jetzt! Darf ich nicht in Würde alt werden? Irgendwann ist der Zenit eben erreicht. Und dann geht’s bergab. Jetzt geht’s eben bergab. Und darum will ich auch meine wohlverdiente Ruhe haben.
Du machst es dir leicht. Hast du eine Ahnung! Viele Einsame sind auf der Suche und finden gleichsam Einsame. Danke, das fehlte mir noch. Einsam bin ich selber genug. Muss ich nicht noch auch im Doppelpack zelebrieren. Es gäbe Warnsignale, sagt man. Wer nicht darauf reagiert, fällt der chronischen Einsamkeit in die Hände. Ich bitte um eine solche! Angeber! Warte nur, bis du von einem anderen physisch abhängig bist, damit du dein Futter kriegst oder aufs Töpfchen gehen kannst. Stille.
Jetzt sachste nix mehr, gelle? Brummig. Muss ja nicht so weit kommen. Hähähä, es wird aber so weit kommen, verlass dich drauf. Da gibt’s Statistiken. Sterb ich eher vorher aus Trotz! So siehst du aus, genauso. Positiv denken ist angesagt. Positiv denken! Bei den Nachrichten? Schalte sie einfach nicht ein. Das geht nicht. Der Mensch muss wissen, was da draußen passiert. Das darf man nicht verdrängen. Dann ist dir nicht zu helfen. Die Scheiße da draußen dringt in dein Bewusstsein und macht mit dir, was sie will. Schon möglich. Dann ist es nur die Bestätigung dafür, dass es eben doch eine Scheißwelt ist. Dir ist nicht zu helfen! Eben, drum lass mich in Ruh! Gehörst du auch zu denen, die glauben, dass sie nichts ändern können? Sicher! Versuch’s mal als freiwilliger Helfer in einem Tierheim. Meine Einsamkeit ist ein ernsthaftes Thema, du solltest darüber keine Witze machen, ja? Du meinst als Vorstufe zum Altenheim? Ich brauch keine neuen Kontakte. Ich bin froh, dass ich die alten los bin.
Ein Unheilbarer! Du fürchtest die Zurückweisungen, richtig? Welche Zurückweisungen bitte? Na, bei neuen Kontakten. Ich sage dir doch, dass ich keine neuen Kontakte suche. Genau wie Miss Sophie! Ihr seid euch ähnlich, echt. Das ist eine Beleidigung. Ich bin keine neunzigjährige alte Jungfer. Das nicht, nein. Aber du solltest deine Perspektive ändern. Inwiefern? Nun, Miss Sophie hat immerhin ihren Butler James, mit dem könnte sie doch besser feiern als mit den vier nicht vorhandenen Freunden am Tisch? Ich habe aber keinen Butler James, mit wem sollte ich denn also saufen? Tja, das ist natürlich ein Problem, das seh ich ein. Trotz allem, Einsamkeit macht sonderbar. Und Sonderbare werden irgendwann entmündigt. Sind wir doch schon längst. Wie? Na, entmündigt. Wir sind ohnehin schon fast entmündigt. Schau dich um, Autos, die alleine fahren, Kühlschränke und Herdplatten machen sich bemerkbar, wenn wir ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenken oder unnötig ihre (oder meine?) Energie verschwenden.
Die ganze Technik will uns insgeheim, was heißt insgeheim, die will uns bevormunden, besachwaltern will die uns, als ob wir bereits alle Idioten wären! Das sind – irgendwie Methoden, die uns umerziehen wollen. Erst waren wir froh, dass wir das Autofahren erlernt haben, und selbständig entscheiden konnten, was wir damit anfangen. Jetzt sprechen die Dinger bereits mit uns, sagen uns, warum wir wo ranfahren sollen, zum Ausrasten meinetwegen. Ständig beobachtet uns irgend so ein Mikrochip, ob wir auch das Richtige für ihn tun würden. Das ist doch krank? Kann ich die Karre nicht mehr allein lenken, ohne dass sich ein ferngesteuertes Männchen einmischt? Wen geht’s was an, wenn ich müde bin, verflucht? Andauernd will uns das Handy weismachen, was wir dringend benötigen. Der Zenit ist erreicht. Das Imperium schlägt zurück! Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht mehr los! Irgendjemand ist da immer, der alles besser weiß, was für uns richtig ist.
Ist das nicht brandgefährlich? Die machen uns an, die Dinger. Die pushen uns irgendwohin, keiner weiß wohin. Ist das die neue Moral? Ändern die unsere Gewohnheiten? Machen sie die zu den ihren? Versuch mal, dich nicht anzuschnallen, wie lange hältst du das nervige Gepiepse durch? Für deine Sicherheit – für deine Sicherheit! Ja, zum Henker, mach ich ja, aber auf meine Weise. Muss ja nicht gleich die Revolution ausbrechen, wenn ich ‘ne Minute mal nicht am „Schlauf“ baumle, nicht? Wir sollen alle brave Mitmenschen werden, die gesund essen, ordentlich Pipi gehen und alle Risiken vermeiden, die kostspielig werden, wenn’s nicht geklappt hat. Is’ auch fad, oder? Na gut, alle halten sich ja nicht an diese Ordnung.
Es gibt ja genug Junkies, Säufer, Sportler, Bergsteiger zum Beispiel oder andere Typen, Polizisten etwa, die tagtäglich ihr Leben riskieren, der eine auf diese Weise der andere eben auf ‘ne andere. Werd nicht politisch! Meinst du, da ist ein Plan dahinter? Naja, könnt ja sein. Ich sehe den entmündigten Konsumenten auf seinem ferngesteuerten Weg ins Leben. Die andere Seite bedeutet, irgendjemand sieht uns als Vollhirnis, die man ganz einfach leiten und lenken muss, weil wir unsere täglichen Risiken gar nicht oder nur unzureichend erkennen. Also, wenn ich denke, dass mich irgendein Gerät bevormundet, dann find ich das schon bedenklich, oder? Schließlich erzwingen die hernach irgendwelche Taten von uns, oder? Mittlerweile implantieren sie uns die Richtung, die wir nehmen sollen.
So weit sind wir schon! Manche finden das modern. Echt? Ich pfeif drauf, ehrlich! Dem Typen vor mir darf ich nicht mal in die Nähe kommen, wenn der mich nervt und nicht weitertut. Da kriegst du rasch ein Problem mit den Warninstanzen in deiner „Mühle“. Nicht einmal ein wenig Angst darf man dem Vordermann (der Vorderfrau) mehr machen. So weit kommt’s noch! So weit ist es schon! Vielmehr, ja. Springt nicht an, die Mistkarre, wenn sie spitzkriegt, dass du ein Bier intus hast. Bieg rechts ab, o Gott, du bist zu schnell, steig auf die Bremse, die Tür ist nicht zu, zu wenig Abstand, leg eine Pause ein, falscher Gang. Kann nicht sein, ist ja ein Automatic. Was soll denn das?
Und? Immer noch einsam? Dein Kühlschrank steht offen, pfeifpfeif! Ja ja, ich weiß, das Hühnchen wird hin! Der Stromverbrauch, vergiss das bloß nicht! Ist ja meine Stromrechnung. Wie bringe ich das Gerät zum Schweigen, lässt in mir Mordlust hochsteigen. Ich kann ohne das piepsende Mistding nicht mehr selbständig einparken, sagt mein Nachbar. Die Kerle bauen einfach alles ein, was ihnen gerade in den Kram passt. Innovativ ist das, sagen sie. Damit stehlen sie sich aus der sozialen Verantwortung, uns uns selbst zu überlassen. Die versuchen, unsere Gehirne auszuschalten, sag ich dir! Das sind Eingriffe in unsere geistige Intimsphäre. Das alles deckt das sogenannte Bedürfnis nach Freiheit. Freiheit? Stell ich mir anders vor. Wollen die mir letztendlich auch noch das Lenkrad aus der Hand nehmen? Das letzte bisschen Entscheidungsfreiheit wollen die mir nehmen, wie? Und gaukeln mir vor, wir bequem, wie verantwortungsvoll das alles sein soll.
Sie übernehmen gerne die Verantwortung für mein Fortkommen, wirklich! Dass ich nicht lache! Irgendwann werden sie uns das Selbstfahren komplett verbieten. Das war’s dann. Bubenträume (Mädchenträume nicht?) müssen umgeträumt werden. Ferrari ade, Jeep offroad aus, Ende. Matchboxmodell am Küchentisch und selbst Brumm-brummgeräusche dazu machen. Geh, mach mir keine Angst. Meinen SUV hab ich erst seit fünf Jahren. Lenkrad abgeben ist wie Löffel abgeben. Pessimist! Viel Vergnügen dabei! Sieh das wenigstens als Vorteil der Umwelt gegenüber, sich von uns verantwortungslosen Umweltsündern erholen zu können. Was jetzt? Ist doch schön. Alles so belebt. Immer noch einsam? Ach, lass mich in Ruhe!
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 17132
plugged
Die funkferngesteuerte Hybrid-Spray-Fogger-Nebelmaschine qualmt wie wahnsinnig vor sich hin. Was es nicht heutzutage alles gibt! Man sieht die eigene Hand nicht vor den Augen. Nur so zur Probe. Es riecht stark nach Öl. Die Bühne, die zwölf mal vier Meter misst und aus düsteren, schwarz lackierten Spanplatten zusammengebaut ist, wird mit allerlei Gerät bestückt. Die Beleuchtung ist auf Schlafmodus gestellt, man sieht schon wegen des Nebels kaum, und doch gerade noch das Notwendigste. In der hinteren linken Ecke steht ein Keyboard, ein altes Yamaha aus den Siebzigern, das schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. In der Mitte der Bühne, nach hinten gerückt, ein noch älteres „Ludwig“-Schlagzeug. Auch in Schwarz, aus den sechziger Jahren, links und rechts von Messingbecken, deren Glanz schon längst irgendwo verloren gegangen war, auf wackeligen Ständern flankiert.
Die nicht mehr sooo ganz jungen Musiker in ihrer nostalgischen Sixty-Bühnenkleidung, mit Glockenhosen und T-Shirts, in sinnigen Sprüchen allerlei auf Brust und Rücken dokumentiert, mit Peace-Zeichen und allem was dazugehört, eine Amateurband also, versuchen mühsam, ihr Equipment einigermaßen professionell aufzubauen. An die rückwärtige Bühnenwand ist ein mächtiges Che-Guevara-Porträt etwas schief angenagelt. Schön, dass er hergefunden hat.
Den Hobbykünstlern zur Seite gestellt, ist ein trauriges Häuflein tätowierter Junkies und Ex-Motorrad-Freaks, von denen keiner unter fünfzig ist und die von der Stadtgemeinde für diese Arbeiten engagiert worden sind, Beschäftigungstherapie, damit sie nicht n u r auf dumme Gedanken kommen. Die sind die Profis, wie sie unschwer zu vermitteln wissen. Allesamt schwere Jungs mit ausgeprägter Häfen- (sprich Gefängnis)-Erfahrung, wird gemunkelt. Jeder für sich ein Unikat.
Damals noch – ja, damals waren sie Mitglieder so manch einer wilden Gang. Hatten nur Unsinn im Kopf, wie man einen langen Tag erfolglos hinter sich bringt. Zugedröhnt bis zum Geht-nicht-mehr. Man war ganz vorn. Vor der Bühne. Bei allen Events. Von den Stones bis zu den Who. Bühnenarbeiter - ganz nah bei ihren Idolen. Sie sind mit ihnen in Würde gealtert. Aber die hier, die Band, die zählt noch zu den Lebenden, beinahe zumindest. Bloß kennt sie keiner. Das ist eben Schicksal. Einer von denen hatte vor zig Jahren tatsächlich selbst einen Hit gelandet, einen einzigen. Das ließ ihn gewissermaßen irgendwie zum Profi werden. Und genau das haben die Bühnenhackler (Hackler = Arbeiter, Wienerisch) irgendwie mitbekommen. Aber es fehlt ihnen anscheinend am nötigen Respekt, denn sie gehen sehr rüde mit dem Alt-Star um. Als der Hitlander sein Bierglas auf einer der Lautsprecherboxen vergisst, kippt das Glas samt Inhalt auf einen der Hackler, als der die Box soeben mit dem Handstapler wegheben will. Du bist a Profi!, meint der Hackler emotionslos ironisch, von oben bis unten nass, den Kopf schief haltend und ihn von oben bis unten musternd, um sich anschließend, ein angewidertes Ausspucken andeutend, kopfschüttelnd vom Hitlander abzuwenden. Womit das Kapitel des Profis neu geschrieben werden muss.
Draußen vor den Toren warten, chromblitzend in der Sonne funkelnd, die Bikes der Bühnencrew, wie zurückgelassene Hunde, angekettet, geduldig auf ihre Besitzer. Unschwer zu erkennen, wer zu welchem „Ofen“ gehört. Der Dickste von denen zur fettesten Harley. Rot-métallisé, mit Windschirm und Seitenboxen. Fat Boy. Der Fahrer ist auch so einer. Sie sehen sich ähnlich.
Der Schmalspurrocker mit dem ausgemergelten Gesicht passt eher zur mageren Variante, zu der mit dem hohen Lenker, Variante Easy Rider. Man ist tätowiert.
Noch muskulöse Arme schimmern grünlich im diffusen Rampenlicht, ragen aus verwaschenen ärmellosen Jeansjacken, deren Rückenteile das Emblem ihres Motoradclubs zeigen. Von den Hosentaschen baumeln verchromte Ketten an deren Enden Geldbörsen vermutet werden. Es könnte auch das eine oder andere Messer darunter sein. Der Bühnenraum ist eigentlich ein finsteres Loch, gelinde gesagt. Es riecht stark nach Zigarettenrauch und Bier. Und die Typen dazu? Mit denen wäre nicht gut Kirschen essen, sagt man. Gegen die Ledernen nehmen sich die Bandmitglieder wie Priesterseminaristen aus.
Wo ist denn das Licht?, fragt einer der Musiker. Was für ein Licht?, antwortet einer der Rocker geistesabwesend. Er steht auf einer Leiter und schraubt eben eine Glühbirne in die leere Fassung. Sein Gesicht ist tief zerfurcht, sein Körper ausgezehrt. Die Haut scheint vertrocknet wie bei einem Klippfisch. Die Haare hängen lang und fett in Strähnen bis an die Schultern und berühren die Lederjacke. Ein Zigarettenstummel glimmt emsig wie ein Glühwürmchen in seinem Mundwinkel. Sein Oberarm zeigt die Tätowierung eines Totenkopfes, dem sein Träger irgendwie ziemlich ähnlich sieht. Die Hose des Klippfisches schlottert um die dünnen Beine. Der Musikus bemerkt dessen grimmige Miene und belässt es bei der Frage. Niemand wagt, weitere Fragen zu stellen.
Irgendwann wird es hell, die Scheinwerfer sind an, blenden, werden gedreht und neu justiert. Mikrofonprobe. Sing du für mich, sagt einer der Musiker zum anderen. Alle lachen. Aber es ist doch dein Mikro! Wurscht. Sind eben nicht alle für die Bühne geschaffen. Heute fehlt irgendwie die Motivation. Man fühlt sich beobachtet. Von Profis. Wie viele Mikrofone?, fragt einer der Höllenengel. Fünf, lautet die Antwort. Samma a G´sangsverein?, brummt der. (Ein Gesangsverein ist keine Rockband, versus „Dienst ist kein Bärenfell“, aus „Vierzig Wagen westwärts“.)
Dann geht es los. Die Band intoniert oder interpretiert, je nachdem, Satisfaction. Jeder kennt das. Die Rocker blicken skeptisch. Sehen einander schweigend an. Keiner verzieht eine Miene. Sie haben die Nummer schon x-ten Mal original gehört, haben schon unterm „Original“ gedient, haben vierzig Jahre Wiener Stadthallenerfahrung. Denen macht man nichts vor. Und dann das! Einer schüttelt den Kopf, greift nach seiner Zigarettenpackung in der Brusttasche seiner ausgefransten Jeansjacke. Das Schlagzeug scheppert penetrant nach alten Topfdeckeln. Die Basstrommel klingt nach schlecht gespannter Lederhose und die Mikrofone quietschen erbärmlich infolge einer ungewollten Rückkoppelung. Bühnenleben macht Spaß.
Der Keyboarder erzählt in der Pause, er hätte einen aus so einer Motorradgang gekannt und ihn einmal zu seinen Schwiegereltern eingeladen, die hatten einen Heurigen am Land, und er selbst half am Wochenende dort aus, als Servierkraft und auch hinter der Schank. Aber der wäre nicht alleine gekommen, nein, ganz und gar nicht. Irgendwann war ein infernalischer Lärm auf der Gasse zu hören. Man stürmte zum Tor um nachzusehen. Das gibt’s nicht! An die dreißig Motorräder, Harleys, Hondas, Kawasakis, alle aufgemotzt und mit kunstvollen Bildern versehen, luftgepinselt und verchromt, wo es nur möglich war, versuchen, in beeindruckender Phonstärke die Parklätze vor dem Lokal für sich einzunehmen. Einer fährt über den Gehsteig, dann von dort über den gepflegten beblumten Grünstreifen auf das Gässchen und zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Ein anderer hatte eine Regenpfütze entdeckt und rollt mit dem überdimensionalen dicken Hinterreifen seiner Maschine rückwärts in dieselbe, wobei sich das Rad unter entsprechendem Gasgeben immer wieder munter durchdreht und der Dreck fensterhoch heftig auf die Hausmauer des gepflegten Anwesens spritzt. Der Keyboarder ahnte längst, was ihm bevorstand und wollte wegen des unangenehmen Ereignisses schon in einem Erdloch versinken, aber noch war es nicht so weit. Die Zeit war noch nicht gekommen.
Schließlich war das ganze Geschwader samt den heißen Bräuten, den Klammeraffen – (Beifahrerinnen) abgesessen und hatte sich, die meisten in enger Lederkluft steckend, streckend und reckend, cowboybestiefelt und krummbeinig in Richtung Innenhof bewegt, als auch schon der streng blickende Hausherr erschien, der Schwiegervater höchstpersönlich in Spencer und Loden, der mit den Worten – eis (ihr) kriagt´s do nix - eine klare widerspruchslose Ansage zu deponieren gedacht hatte, woraufhin ihn die Ledernen schräg ansahen. Und sie warfen auch gleich einen zutiefst verunsicherten Blick auf ihren Obmann und Leithammel, der auf den entzückenden Namen „Baby“ hörte, in dessen Bezeichnung jedoch schon allein wegen seines athletischen Körperbaus ein Widerspruch per se zu liegen schien und der er auch aufgrund seines Auftretens in keinster Weise gerecht wurde.
Besagter „Baby“ wiederum erwartete jetzt ganz offensichtlich eine dringende Stellungnahme des Keyboarders, von dem er wohl eine Korrektur der negativen Formalitäten erwartete, die die Stimmung des Hausvaters entsprechend zu wandeln imstande gewesen wäre. Jetzt war es für diesen also höchst an der Zeit etwas zu sagen, zu intervenieren, schließlich ging es irgendwie dabei auch um sein Fell, um seine Reputation, denn so sattelfest war er in der Familie noch nicht verankert, um Folgendes eben richtigzustellen, was schiefzulaufen schien, was sich dann also ungefähr so anhörte - Öh, die – die gehören zu mir, krächzte er nervös und räusperte sich verlegen. Und, ja, jetzt allerdings schien die Zeit für das Mauseloch gekommen.
Aus den benachbarten Häusern lugten verschreckte Augenpaare aus spaltgeöffneten Toren. Kinder versteckten sich hinter den Kitteln der Mütter. Hunde winselten wegen des immer wieder aufbrüllenden Motorenlärms, und die dunklen Wolken des sich bis vor Kurzem entladenden Gewitters standen immer noch drohend am Horizont, ergiebige Pfützen auf Gehsteigen und Gasse hinterlassen habend. Aber es war nicht ganz so schlimm wie erwartet.
Ah so?, reagierte der Hausherr knochentrocken, hob kurz die Brauen, verschwand ohne ein weiteres Wort zu verlieren, außer einem wirkungsvoll kryptischen - Naaa jo! - wieder in Richtung Weinkeller. Dem Tastenbezwinger standen die Schweißperlen an der Oberlippe. Heut wäre wohl kein guter Tag, um ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten. Morgen vielleicht auch noch nicht.
Wie auch immer. Die Begrüßung zwischen Keyboarder und Motorradclub verlief relativ nüchtern und emotionslos. Es arbeitete fieberhaft in des Klimpermaxis Gehirn. Der sogenannte berittene Freund stellte die Kumpane und deren Beifahrerinnen artig vor. Die hatten scheint‘s jede Menge Spaß dabei, so offiziell aus ihrer gewohnten Anonymität katapultiert zu werden. Dann bewegte sich der Tross lärmend über den Innenhof die Kellerstiegen hinunter. Die Schwiegermutter hinterm Tresen stand zunächst wie angewurzelt da, und - nie um ein Wort verlegen - blieb ihr jenes, welches sie eben noch auf den Lippen hatte, wohl unvermutet im Halse stecken, als sie die illustren Neuankömmlinge in ihren Nonkonformistenuniformen sah, mit mosaischen Bärten, in Lederjacken mit Nieten dran und drin, mit klirrenden Ketten wie zu Krampus und das im Mai, wo nichts, aber auch schon gar nichts auf einen Rückfall in dunkle Dezembernächte schließen ließ. Diese Art Heurigenpublikum war ihr grundsätzlich fremd. Und schließlich waren da all die Miniröckchen, oh Gott!, von denen kürzere Varianten wohl kaum noch möglich gewesen wären, wollte man dabei nicht gänzlich auf das letzte Bisschen Stoff verzichten. Die Mutter, die gute, fasste sich jedoch bald wieder und lächelte scheinbar wohlwollend über den seltsamen Kostümverein, der da dieses heiteren Samstagnach-mittags so mir nichts dir nichts über ihre Treppe in die heiligen Katakomben hereingeschneit war, und sie tuschelte irgendetwas mit der älteren weiblichen Hilfskraft an der Schank. Dann kicherten die beiden und kriegten rote Gesichter.
Die angehende Gattin des Keyboarders, Tochter des ehrbaren Winzerehepaares und ewige Studentin, zupfte dienstbeflissen ihr weißes Servier-Schürzchen über ihrem züchtigen Dirndlrock zurecht und wedelte sogleich mit Stift und Schreibblock bewaffnet an die sechs von derbem Rockervolk beschlagnahmten Tische herbei, um die Bestellung der guten Leutchen aufzunehmen, bemüht, die ätzenden Bemerkungen der kichernden Auspuffbräute wegen ihres konservativen Dresscodes tunlichst zu ignorieren. Indes ließen sich die Ledernen nicht lange lumpen, denn sie hatten ganz offensichtlich jede Menge Appetit mitgebracht und auch bezüglich ihres Durstes blieben sie den Erwartungen der Wirtsleute nichts schuldig. Neun Doppelliter und jede Menge Mineralwasser für den Anfang. Und, bloß so nebenbei - welcher biedere Landgendarm hätte es schon auf eigene Faust gewagt, diesen röhrenden und gefährlich aussehenden Pulk der oftmals nebeneinander oder sogar zu dritt nebenher Fahrenden, noch dazu mit Wiener Kennzeichen, selbständig und ohne Verstärkung angefordert zu haben, anzuhalten und nach den Papieren zu fragen? Dir Sauoasch zag i meine Papiere sicher net, soll einmal einer von denen zu einem Polizisten gesagt haben, und so was spricht sich herum. Und man hatte schließlich Familie.
Alsdann kredenzte die Serviermaid aufgekratzt und unermüdlich eine Weinhauerjause (auf dem runden Holzbrett versteht sich) nach der anderen. Darauf befand sich üblicherweise ein Potpourri aus Blunzenrädchen, dürrer Knoblauchwurst, Schinken und Käse, Radieschen, Leberpastete und Tomaten, Pfefferoni und Senf und Brot und weiß der Teufel was noch alles. Der Tastenakrobat konversierte in der Zwischenzeit mit dem hünenhaft blonden Anführer der Gang, der überdies sein Klavierschüler war und den er seit Jahren, bislang mit vergeblicher Müh´, in die Kunst des Boogie-Woogie-Spielens einzuweihen versucht hatte, was sich bei dessen rauen, rissigen und riesigen unbeweglichen Würschtelfingern zu guter Letzt ja auch als sinnloses Unterfangen erwiesen hatte. Aufgrund seiner eigenen schnellen Finger, aber leider selbst kein Biker, diese Zeit kam erst viel später, genoss er trotzdem ein Quäntchen Ansehen bei ihm, wenn auch bloß innerhalb einer geduldeten Toleranzschranke der sonst so überkritischen Benzingenossenschaft bei der Auswahl neuer Freunde, wenn es generell um bürgerliches Gehabe oder gewissermaßen um Andersgläubige ging. Schließlich war man darüber hinaus seiner Ehre und Gesinnung verpflichtet, Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten und damit aller verdammten Bürgerlichkeit und Scheinwelt soweit es ging, aus dem Wege zu gehen, um eben anders zu sein. Dazu zählten durchaus auch chevalereske Kavaliersdelikte wie etwa in unbeobachteten Augenblicken schon mal die Freundin eines Freundes flachzulegen. Diese Art der Moral galt ihnen als dehnbarer Begriff und beschreibt eindrucksvoll und nachhaltig, deskriptiv eben, eine Handlungsregelung, die für diese Gesellschaft leitend ist oder eben die in ihrer Gemeinschaft üblichen Verhaltensregeln. Mal rein empirisch festgestellt, eine Handlung dieser Art nimmt eine gewisse moralische Qualität an, wenn und soweit sie menschliche Achtung oder Missachtung zum Ausdruck bringen soll. Öh, was auch immer damit gemeint ist.
Die übrigen Gäste kriegten also alle lange Hälse und tuschelten hinter vorgehaltener Hand, was sie da nicht alles zu sehen bekamen, aber alles hatte seine Ordnung, und jeder hatte seinen Spaß. Der Hausherr (der Wirt) himself jedoch schielte in ihm günstig scheinenden Momenten mit geübtem Jägerblick, nämlich dann, wenn sein virtuoses (wirtuoses) Ziehharmonikaspiel es zwischendurch erlaubte und seine Frau an der Vitrine beschäftigt war, wo es galt, den Kümmelbraten zu filetieren, so unauffällig wie möglich, immer wieder nach den kurzberockten Rockerbräuten und auf deren knackige halbnackte Oberschenkel und die hinaufgerutschten Miniröckchen, die im Sitzen für den Betrachter kaum mehr wahrnehmbar waren, wodurch schließlich auch er, nach seiner mehr als enttäuschenden Rolle als Empfangschef und trotz aller ursprünglicher Skepsis, auf seine Rechnung zu kommen schien.
Alles war bis dato friedlich und harmonisch verlaufen, wäre da nicht der haltlos verfressene schwarze Kater Seppl gewesen, der, weil dies seit Jahren sein Revier, gewohnt war, auf den breiten Abschlussholzleisten der Sitzbänke hinter den Rücken der Gäste herumzustolzieren und sich von dort aus mit den leckersten Abfällen verwöhnen zu lassen. So drehte er auch diesmal erfolgsgewöhnt seine kulinarischen Runden, umschwanzte den einen oder die andere Gönner/In und schnurrte zum Dank und zum Jubel aller hier katzenliebenden Anwesenden um die Gunst weiterer Nachmittagsgaben abseits der Futterschüssel und ihrer geregelten Füllzeiten.
Die Fresstour musste gezwungenermaßen und logischerweise auch an den Lehnen der Benzinbrüder und -schwestern vorbeiführen, von wo es aufgrund der üppigen Fülle an Essbarem möglicherweise ganz besonders anziehend gerochen haben mochte, als einer der am wildesten aussehenden Outlaws, er hatte ganz unspektakulär einen verchromten Stahlhelm (Zweiter Weltkrieg) vor sich liegen, was die Sache jedoch enorm dramatisierte, das hinter ihm herumstreunende Vieh bemerkte, es mit seiner Pranke am Hals ergriff und mit dem Kopf quer auf sein vor ihm liegendes Schneidebrett knallte, unter frenetischem Jubel der anderen Ledergenossinnen und -genossen. Anschließend demonstrierte er eindrucksvoll, für jeden aufmerksamen Beobachter der skurrilen Szene unschwer zu erkennen, als wolle er mit dem Brotmesser den Kopf der malträtierten Kreatur vom Leibe trennen, um ihn anschließend zusammen mit Senf, Pfefferoni und Salatgurke zu verspeisen. Ein jäher Aufschrei der Hausfrau, die just in diesem Augenblick ihre wohlwollenden Blicke über die schmatzende Gesellschaft schweifen ließ, durchbrach die allgemeine Monotonie ausgelassener Weinlaune und Jausenstimmung.
Der angehende Katzenmörder ließ mit breitem Grinsen Katze und Messer fahren und lehnte sich mit zufriedener Miene ob seiner spontanen Performance mit einem Glas in der Hand entspannt zurück. Einer der Gäste hatte vor Schreck sein Weinglas in der Hand zerbrochen und blutete leicht. Der Schwiegermutter jedenfalls zitterten noch Stunden danach die Knie, leichtgläubig wie sie war, hatte sie vielleicht wirklich angenommen, der unzivilisierte Wüstling würde tatsächlich ihren geliebten Kater verspeisen. Und es war eine Zeit, als just Jimmy Carter Präsident der Vereinigten Staaten war, und der Wüstling lachte laut und rief dem Tier nach, Kater, Jimmy Kater!, als sich Seppl nach seiner wunderbaren Befreiung mit gesträubtem Schwanz, aus Protest lautstark miauend, rasch aus dem Staube gemacht hatte. Rein optisch wäre es dem Kerl durchaus zuzutrauen gewesen, so von Mimik und Gestik her, ihn zu … Die Geschichte hatte noch lange Zeit auch unter den übrigen Gästen Bestand.
Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der Ledernen lasst uns wieder zurückkehren auf die Bühne, auf der soeben wie verrückt gecovert und dabei gerockt und gerollt wurde. Die röhrende Sechziger-Band zog alle Register, und das spärliche Publikum, welches so nach und nach hereingetröpfelt war, war bemüht, so gut es eben ging, in allem mitzugehen, zu schreien und zu johlen und heftig und ausgiebig das Tanzbein zu schwingen. Kaum zwei Stunden dauerte der Auftritt der provinzialen semiprofessionellen Rockathleten und schon, kaum war der letzte Ton verhallt, zückten die grimmig aussehenden Roadies ihre zweirädrigen Schubkarren, hoben die Boxen an und transportierten den ganzen Kram in Windeseile von der Bühne, um neuen Platz zu schaffen, Platz für die anderen, denn vor den Eingangstüren standen schon die nächsten musikalischen Selbstdarsteller in den Startlöchern.
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 17093
Brainstorming
In meinem Gehirn summt und brummt es: Train I ride, sixteen coaches long. Train I ride, sixteen coaches long. Well, that long black train got my baby and gone. Train train, comin' 'round, 'round the bend. Train train, comin' 'round the bend Well, it took my baby, but it never will again (no, not again).
Train train, comin' down, down the line …
Da vorne steht der Ober und späht aufmerksam zu mir herüber. Vielleicht hat er damit gerechnet, dass ich irgendwie umfalle und doch zur Milch greife? Seh ich etwa so aus? Irgendwie ist man in meinem Alter ja so ziemlich mit allem durch. Obwohl – der Gedanke daran, nicht mehr so zu können, wie man es bisher für selbstverständlich gehalten hat – na ja. Gewöhnungsbedürftig! Wenn erst einmal das Abgeben schwer errungener Lizenzen kommt? Des Führerscheins zum Beispiel. Das sind Zäsuren! Echte Zäsuren sind das! Das kommt einer Entmündigung gleich! Wenn´s nicht nur mehr bloß um einen Zahn geht, der irreparabel ausgehebelt wird. Das wäre ja noch zu verkraften. Auch ein zweiter. Vielleicht noch ein dritter.
Da! Da liegt ein Haufen Blätter vor mir, alte Urkunden, Ariernachweise und so´n Zeug. Ich versuche, darin zu lesen und mich schlau zu machen, über die Zeit vor mir. Den Großvater, den Johann Bresslar, den hab ich leider nicht mehr gekannt. Mein Bub, soll er immer voll Stolz gesagt haben, wenn er über mich gesprochen hat. Passt’s mir auf meinen Buben auf! Ach, ein männlicher Nachfolger, das war etwas! Das wusste er zu schätzen, er, der in Zeiten aufgewachsen war, in denen Männer haufenweise als Kanonenfutter verbraucht worden waren. Die Großmutter kannte ich noch. Eine sehr strenge Frau war sie. Ich erinnere mich gut. Sehr ernst. Nach dem Mittagsschläfchen hat sie immer Kaffee gekocht, damals, in der kleinen Küche. Ich habe den Geruch noch in der Nase. Wunderbar hat er gerochen, wie heutzutage keiner diesen Duft verströmt. Schwarz hat sie ihn getrunken, so wie ich jetzt, aber im emaillierten Blechhäferl, mit blauen Blümchen darauf. Wahnsinnig gern hätte ich das noch besessen! Und sie hat eine Semmelhälfte eingetaucht, und den aufgeweichten Teil abgebissen. Wieder eingetaucht, abgebissen. Dabei hat sie nicht geredet. Nur das Ticken der Pendeluhr war zu hören. Passt mir auf den Buben auf! Aber niemand hat auf mich aufgepasst, so, wie ich mir das gewünscht hätte.
Niemand hat verhindert, dass ich dorthin komme, wo ich jetzt bin. Was soll´s? Alte Leute haben auf mich seit jeher eine ungeheure Faszination ausgeübt, vielleicht durch ihre Abgeklärtheit? Durch die Ruhe, die sie ausstrahlen? Weiß nicht. Ich habe das Gefühl, mit uns wird man nicht so ehrfürchtig umgehen, wie wir es mit den Alten gehalten haben, damals eben. Die Jugend heute hat keinen Respekt vor den Alten. Sondermüll, sagen die. Steh‘n bloß im Weg herum und sind für nix gut, sagen die. Wofür sollte man etwa eine Familienchronik schreiben, für wen, frage ich mich? Die Jungen lesen das ohnehin nicht. Dieser Standesbeamte scheint sich offensichtlich bemüht zu haben, schön zu schreiben. Die schlampigen „n“ und „e“ sind trotzdem schwer zu unterscheiden!
Wenn doch mein Vater oder meine Mutter oder eigentlich beide (wieder ein Romananfang) – denn beide waren gleichmäßig dazu verpflichtet – hübsch bedacht hätten, was sie sich vornahmen, als sie mich zeugten! (Laurence Stern. Tristan Shandy) Hätten sie geziemend erwogen, wie viel von dem abhinge, was sie damals taten! Jedenfalls, dass alles Mögliche dadurch bestimmt worden war, durch das Werkzeug der Vorsehung, oder wie auch immer man es zu nennen vermag, …
Zollwachtmeister also. Großvater war k. u. k. Zollwachtmeister. Merkwürdig. Ich erinnere mich noch, Mutter hat erzählt, dass er wegen Fettleibigkeit ins Flachland versetzt worden ist, damals, unterm Kaiser. Aus Bayern, nahe dem Böhmerwald, in den Flachgau. Grenzgendarm war er. Zollwache oder so. Aber die Berge waren zu hoch für ihn. Das hat er nicht mehr geschafft, keine Luft gekriegt, der Arme. Ich hebe den Kopf. Der Glatzkopf da ist mir schon vorhin aufgefallen, als ich über den Volksgarten in die Stadt spaziert bin. Ganz in Schwarz. Uniformes, das für uneingeschränkten Erfolg bürgen soll. Städtisches Ökonomiesoldatentum! Gleichgeschaltet, mit Telefon im Ohr und Laptop am Rücken. Man sollte ihnen das Telefon gleich in die Haut implantieren, der leichteren Handhabe wegen. Ein Theater. Meinen gewohnten Spaziergang durch die Stadt habe ich heute in der Gegenrichtung begonnen, über die Stadiongasse. Gleich zu Anfang hat mich die Silhouette der Michaelertor-Kuppel im diesigen Morgenlicht begrüßt.
Ich behalte mein Ziel im Auge, denn unmittelbar daneben ist das Café Griensteidl zu finden, Schauflergasse. So bummle ich, flankiert vom Rathauspark und seinen riesigen Baumwipfeln sowie der Westfront des Parlaments – ach, da ist ja der ehemalige Finanzminister! Was macht denn der noch hier? Mit Aktenmappe? Seniorenbundagenden erledigen. Repräsentable Limousinen und Sportwagen vor dem Hohen Haus, muss man sagen. Es geht uns offenbar gut! Kein Wunder, bei den Steuern? Frau Athene in neuem Glanz. Die barockisierten Minarette im griechisch-römischen Stil - auch frisch vergoldet. Das ist nicht gegen die Bauordnung? Artfremd sagen sie heute, wenn etwas so emporragt. Halb zehn. Der Tag ist noch jung.
Langes Zugfahren ist anregend für intensives Brainstorming. Was mir da alles durch den Kopf geht, wenn ich zum Fenster hinaussehe und die Landschaft an mir vorüberrast. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Ich muss lachen. Kennst du das? Pension Schöller, Theaterstück. Der Major: Hier ist der Feind gestanden, und da wir. Wääären wir hier und der Feind dort gestanden, wäre alles ganz anders gekommen! Ja, höchst wahrscheinlich wäre alles ganz anders gekommen.
Hätte ich neulich im Kino nicht Sportgummi gekaut, hätte ich meine Plombe am Stockzahn noch. Ich sitze mit meiner Frau in einer Hommage an das goldene Zeitalter des amerikanischen Musicals und versuche soeben, die ausgelassene Stimmung dieses Feelgoodmovies auf mich herüberzuladen, da war es auch schon passiert. Zwischen Nostalgie und Identitätskrise einer Love-Story-verdächtigen Tanzszene wandelt sich nicht bloß die Geschichte der beiden Hauptdarsteller in, wie man so schön banal sagt, in jenes verdammte Ding, wie es das Leben eben schreibt, da spüre ich schon einen Felsbrocken zwischen dem süßsauren Zuckerschmelz klirren und flugs spucke ich das Corpus Delicti in meine Hand. Ich brauche nicht nachzusehen, worum es sich handelt, denn meine geschickte, oder besser geschockte Zunge hat das Loch dieses Amalgam-Asteroiden im verdächtigen Zahn bereits geortet und voll Entsetzen über seine Ausmaße darin herumgebohrt. Hätte ich also keinen Sportgummi gekauft, wäre alles ganz anders gekommen.
Wäre ich nicht schon berufstätig gewesen, hätte ich mein Medizinstudium fertig gemacht. Hätte ich meinem besten Freund während einer Party vor dreiundvierzig Jahren nicht eine neue Bekannte ausgespannt, wäre sie heute nicht meine Frau und so weiter. Tja, wäre ich Alexander, der Sohn Philipps II. von Makedonien und der Olympia von Epirus, wäre ich auf Wunsch meines Vaters von dem berühmten Philosophen Aristoteles erzogen worden. Hätte was, nicht? Ich hätte im Alter von zwanzig Jahren den Königsthron bestiegen und, nachdem mein Vater ermordet worden wäre, das scheint mir Usus in solchen Königskreisen gewesen zu sein, hätte ich mich als Führer eines makedonisch-griechischen Heeres aufstellen lassen. Einfach so. Ohne Bewerbungsschreiben und Hearing. Klasse, oder? Aber, hätte ich das wirklich gewollt? Du kennst mich doch, ich habe nicht das Zeug zur Führernatur und auch nicht den Willen, eine solche zu sein. Ich müsste übrigens das Heer des Perserkönigs Dareios des Dritten erfolgreich, versteht sich, schlagen. Das täte mir leid, denn ich finde die Perser sind im Grunde nette Leute, als was sollte das? Und dann das viele Blut und die ganze Schweinerei drumherum. Nein, das wär nichts für mich.
Ich war einmal in eine Perserin verliebt. Sie hieß Sayeh, das heißt angeblich Schatten. Sie hatte mir erzählt, ihr Vater wollte sie so genannt haben, damit sie ihm sein Schatten in der Gluthitze der persischen Sonne sein möge. Ich habe sie vor vierzig Jahren aus den Augen verloren. Doch dann, ich hatte da einen Deutschschüler, für den habe ich im Netz etwas gesucht und bin auf einen Namen gestoßen, der mich an den ihren erinnert hat. Dort habe ich angesetzt, nach ihr zu suchen und ich entdeckte eine Bekannte aus der Vergangenheit und deren Telefonnummer. Nach einem kurzen Brief schickte sie mir eine SMS mit Sayehs Adresse. Und seither scheiben wir uns ein wenig oder telefonieren. Hast du mich gefunden, hat sie geschrieben und das klang - irgendwie überrascht, aber doch so, als hätte sie eines Tages damit gerechnet. Sie hat zwei bildhübsche erwachsene Töchter, die beide in Paris studieren.
Als ich sie bat, mir ein Selfie zu schicken, hat sie abgelehnt und gemeint, besser nicht, du wirst fürchten dich (sic!). Ich kriegte dann aber doch ein paar Fotos, und wir haben alte Erinnerungen und auch Fotos ausgetauscht, die überraschend bei uns beiden aufgetaucht sind. Und ich musste mich nicht fürchten, sie sieht immer noch gut aus und sie hat gesagt, ja, aber jetzt sind wir alt. Womit sie leider Recht hat. Nun bin ich aber froh darüber, nicht Alexander zu sein, obwohl ich billig nach Indien gekommen wäre, dort wollte ich schon als junger Mann hin, als die Hippies dorthin zogen. Doch auch dahin bin ich zu spät gekommen, wie sonst auch überall hin. Aber das Ende, also wenn du dir das anhörst, irgendwann hätte ich zu einer Massenhochzeit geladen, lese ich, und dabei zehntausend Perserinnen und Makedonier miteinander verheiratet. Damit fange ich leider nichts an. Mit derartigen Events habe ich nichts am Hut. Wie auch immer, in Babylonien jedenfalls hätte es mich erwischt, da wäre ich an Malaria gestorben. Pech gehabt, nicht? Und das hätte ich nicht gewollt, ehrlich. Aber was fange ich hier Grillen?
Der Tag ist also noch jung, bemerkte ich vorhin. Nur ich bin es nicht mehr. Sayeh hat es mir bestätigt. Ich spüre, wie die Zeit rinnt, unaufhörlich. Hier unten am Ring zähle ich jede Sekunde ein Auto, zwei sogar. Überall sitzt nur eine Person drin. Arme Umwelt. Zwei Mädchenporträts von Gustav Klimt und der Künstlercompagnie im Belvedere - und irgendwann wird mich so ein Radfahrer niederfahren, das seh ich schon kommen. Ich bin im Volksgarten – und – gerettet! Eine hochgewachsene, gelb-orange Valencia unter tausend anderen Rosen. Bildschön! Daneben, derzeit blütenlos, Ricarda. Vielleicht findet sie keinen Partner? Buchs in Fragezeichenformen. Peinlich genau zugeschnitten. Eine Kunst, so etwas. Der alte Theseustempel – stillschweigendes Relikt längst vergangener Zeiten. Die Treppen heute völlig unfrequentiert. Sie haben ihn zu Tode renoviert, mit Lack oder so einem Zeug. Ehemals war er aus Sandstein. Davon ist heute nichts mehr zu bemerken. Wahnsinnstat am Heldengrabmal. Auf den Bänken rundum sitzen Touristen und Pensionisten. Davor eine Gruppe Japaner in Tai-Chi-Trance. Haben ihre Arme hoch erhoben und lassen sie wehen wie Birkengeäst im Winde. Zwei üben Fächertanz, lassen den Fächer knallen wie die Aperschnalzer im Pongau. Die wüssten auch nicht, was unsere Älpler damit darstellen möchten. Trotzdem sieht es elegant aus! Unglaublich, was für riesige Hunde sich manche Leute halten! Wo verstecken sie die bloß in ihren engen Wohnungen? Meine Nationalbibliothek! Ach, wie lange habe ich dort beinahe schon gewohnt? Unten, im Tiefspeicher? Tonnenweise Bücher vor mir auf dem Tisch. Ein kleines Vermögen habe ich hier in Kopien investiert. Und – ich stehe auch in einem Regal, für die Ewigkeit. Also bin ich unsterblich. An manchen Tagen jedoch fühle ich mich aber eher sehr sterblich. Ich gehe über den Ballhausplatz, lasse die Hofburg rechts liegen. Wie leicht sich das sagt, hätte ich sie mitnehmen sollen? Was meinst du? Ich gehe in Richtung Schauflergasse. Gott sei Dank, jetzt ich bin am Ziel.
Aber ich bin ja da. Bin schon da! Und habe es gar nicht gemerkt. Die ganze Zeit über bin ich schon hier. Im Griensteidl. In Gedanken ziehe ich noch einmal die Glastür auf, sondiere in Sekundenschnelle das Terrain und finde meinen Tisch, lasse mich auf die kleine, von dunklen Holzwänden umgebene, mit rotem Plüsch überzogene Zweierbank fallen, an einem kleinen, runden Marmortischchen. Nun sitze ich schon seit einer Stunde hier. Immer wieder rekonstruiere ich, wie ich hergekommen bin. Meine Gedanken gehen im Kreis. Die Yuppie-Tussi, ich weiß. Jetzt könnte sie wirklich zu telefonieren aufhören. Typisch, trinkt natürlich Kaffee Latte. Modegetränk. Das passt zu ihr!
Kaffeehäuser eigenen sich auch hervorragend fürs Brainstorming. Ich denke an Papa. Der Vater hat alles weggeworfen, was von den Vorfahren stammte. Auf eine wilde Deponie gebracht, würde man heute sagen, fällt mir ein. Am nahen Bach. Mit „alles“ meine ich Großvaters Uniform, den Säbel, den Tschako. Mir kommen fast die Tränen. Ich habe so gerne mit diesen Sachen gespielt. Außerdem – der ideelle Wert von dem Zeug! So etwas ist unwiederbringlich verloren. Irgendwo hätte sich schon ein Platz gefunden für den ganzen Plunder. Vater war das egal. Alles Müll, hat er gesagt. Besonders Militärisches. Passte nicht in seine mühsam erklommene Welt. Neunzehnhundertelfer. Moderne Welt! Zeit ist immer modern. Neunzehnhundertsechzig hat er das gesagt! Lächerlich! Er war ja – irgendwie Pazifist! Zumindest bildete er sich das ein. Die Sachen rochen nach Moder, nach Mottenpulver, weiß ich noch. Der Säbel hatte Rost angesetzt, der war unglaublich schwer für mich, als Kind. Er mochte zehn Kilo gewogen haben. Aber war faszinierend. Hatte ich ihn umgeschnallt, zog ich ihn laut scheppernd hinter mir her. Es musste allen fürchterlich auf die Nerven gegangen sein. Damit spielt man nicht! Ich verstehe es ja ... heute.
Die Gedanken. In Gedanken läuft alles ab wie in einem Film. Dann ist der Film zu Ende, und du bist wieder allein.
Norbert Johannes Prenner
Auszug aus dem Roman „Am Ende ist man doch allein“ – in Entstehung
www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 17058
Der Poltergeister-Rap
Es ist tiefste Nacht und irgendwann hoffst du,
mit der Nacht kommt endlich die verdiente Ruh’.
Doch im Stockwerk vier, quasi über dir,
geht was ab nach strenger Marschmanier.
Um ein Uhr Früh, da kommt Herr Polterer erst heim,
und knallt die Tür so zu, die geht fast aus dem Leim.
Dann trampelt er die vielen Stiegen hoch
vergeblich sucht der Schlüssel nach dem Schlüsselloch.
Doch irgendwann geht auch die dümmste Türe auf,
dann nimmt das Schicksal seinen grausamen Verlauf.
Er nimmt die Zimmerflucht in schwerem Nagelschuh,
das ist das Ende deiner Nacht und ihrer wohlverdienten Ruh.
Auf seinen Hacken latscht er lautstark über das Parkett,
das regt mich furchtbar auf, ich find das überhaupt nicht nett.
Von den Erschütterungen wackeln Tisch und Licht,
doch einen Polterer, den stört das alles nicht.
Sogar die Gläser in dem Schrank vor mir die klirr’n,
davon lässt sich der Herr da oben nicht beirr’n.Und nach so ‘ner ganz und gar beschiss’nen Nacht,
da bist du armes Schwein auf einmal aufgewacht.
Dich hat ein Wasserrauschen früh am Morgen aufgeweckt,
von diesem ist man völlig unerwartet hochgeschreckt,
der Wasserhahn knapp über dir im Badezimmer braust
und die Brotmaschine oben völlig losgelassen saust.
Schon sieben Stück, dann acht, nein neun, gar zehn,
wieviel Brot braucht ein Mensch denn schon zum Frühstücken?Zwei drei vier… Ich will so sein wie du, ganz dubidu,
so rücksichtslos gemein wie du,
du siehst nur dich allein juhu
und alle andern sind dir scheißegal.
Ich will so sein wie du, ganz dubidu,
so rücksichtslos gemein wie du
du bist ja nicht allein juhu,
ich schwör’s, so werd ich auch bestimmt einmal!Doch wenn du glaubst, der Typ wohnt da allein,
dann irrst du, denn die wohnen dort zu zwei’n.
Wenn man am Vormittag doch noch ein wenig schlafen könnt’,
ein frommer Wunsch, den dir dein Nachbar nicht vergönnt.
Vor Müdigkeit zittern die Hände,
dröhnen über dir die Wände
wenn Miss Polterer behende
Stühle schiebt schier ohne Ende.
Da wirst du selber ganz verrückt bei diesem Lärm dort oben!
Es werden quietschend Tisch und Sessel hin- und hergeschoben,
dort saugt der Stauber stundenlang ganz ungehemmt dahin,
so lange bis ich schließlich munter bin.An manch so einem wunderschönen Sonn- und Feiertag,
wo ich nach wochenlanger Arbeit nur noch schlafen mag,
such ich in Panik rasch nach dicken Wattepfropfen,
die will ich mir in die geplagten Ohren stopfen,
seit sechs Uhr früh hört man von oben nichts als Schnitzelklopfen,
so an die vierzig Stück und manchmal mehr,
warum? Die Polterkinder kommen heut zum Essen her.Hey, zwo drei vier… Ich will so sein wie du, ganz dubidu
so freundlich nur zum Schein wie du,
ich möcht’ so geh’n wie du, wie ein Elefant,
so schubidu, wirklich allerhand.
Du siehst sonst niemanden nur dich allein, juhu,
bist nicht auf dieser Welt allein, schuhu,
und alle andern sind dir scheißegal!
Passt auf, genauso werd’ ich auch einmal!Punkt zwölf Uhr dreißig sind die Kinder endlich alle da,
und auch der Nachwuchs ist dabei, juhu und tralala,
so an die vierunddreißig ruhelose Beine,
ihr könnt euch sicher vorstell’n, was ich damit meine.
Denn diese Biester sind so zwischen sechs und elf,
da kann man nur noch beten, dass der liebe Gott dir helf.
Möge der Spuk da oben rasch zu Ende sein und dann
gewöhn dich dran, dass sicher keiner dort vernünftig gehen kann.
Die trampeln durch die Zimmer, rennen auf und ab,
wenn ich doch schlafen will. Das alles hält mich ordentlich auf Trab.
Das treiben sie so lange, bis bei dir die Decke bebt,
und wenn du meinst, dass etwas über deinem Bette schwebt
und zwar ganz dreist,
dann hast du Recht, es ist ein Geist, der Polter heißt.Drum ist es für dich besser, du fährst lieber fort,
zum Schlafen such dir eben einen and’ren Ort,
denn wenn du dich beschwerst, dann kriegst du bloß zu hör’n
wir wollten dich beim besten Willen ganz gewiss nicht stör’n, (höhöhö)
oder hast du neulich gar etwas bemerkt? No na!
Weil gestern war’n seit langem wieder alle da.Wirklich sehr witzig! Drum: Zwo drei vier.
Ich will so sein wie du, ganz dubidu
so freundlich nur zum Schein wie du,
ich möcht so geh’n wie du wie ein Elefant,
so unverschämt,
es ist allerhand!
Du siehst nur dich allein, juhu,
bist nicht auf dieser Welt allein, schuhu,
und alle andern sind dir scheißegal!
Und so, genauso werd’ ich auch einmal.Einmal geht’s noch…
Ich möchte geh’n wie du, so schubidu,
und Türen schlagen so wie du,
so deppert und so laut wie du. Ein Nachbar kann
beinah so sein als wie ein ganzer Mann.
Ich schau im Almanach
der süßen Rache nach,
und mach mich schlau.
Knall euch ‘ne irre Soundmaschin‘
vom Boden bis zur Decke hin,
mit tausend Dezibel, so wie beim Festival
hol ich euch sicher schnell aus eurem Bau.
Ein Rolling-Stones-Konzert, das eure Ruhe stört,
um vieles lauter, als wenn eins von euren Enkeln plärrt.
Ich dreh die Boxen auf, und das so furchtbar laut,
dass es euch hoffentlich aus euren Socken haut.
Dann warte ich voll Sehnsucht bis zum Schluss,
aufs Ende des Getrampels mit Genuss.Lasst mich so sein wie du, so schubidu,
so rücksichtslos gemein wie duuuh,
ich mach mit meiner Soundmaschin‘
von jetzt an jeden Sonntag hin
und blas euch damit gnadenlos aus eurem Schuh.
Und dann, verdammt noch mal, ist endlich Ruh!
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 17046
Der Railjetsimulator
Wenn ich nicht mehr Bahn fahre, kann ich auch nicht mehr schreiben. Ich überlege mir, eine alte Waschmaschine so umzubauen, dass ihr Schwungriemen eine Plattform rüttelt, auf der ein kleiner Schreibtisch und ein Stuhl stehen. Von einem Beamer aus werden Aufnahmen einer vorüberziehenden Landschaft auf die Wand projiziert. Ich besteige die Plattform, setze mich auf den Stuhl, vor mir auf dem kleinen Tisch - mein Laptop. Über eine Fernbedienung nehme ich die Waschmaschine in Betrieb. Die Plattform fängt an zu rütteln. Mittels einer zweiten Fernbedienung setze ich den Beamer in Gang. Ich ziehe meine Kopfhörer über. Alsbald tippe ich die ersten Sätze in den Computer. Das genaue Ziel ist ungewiss, sowohl des Schreibens als auch des Rüttelns Ende.
Und irgendwann habe ich aufgehört zu träumen.
Zurück ins Kaffeehaus. Ach, dort kommt endlich die Melange! Eine Zeitung der Herr? Nein danke, hab schon eine. Danke sehr! Ich winke ab. Wieder in die vor mir liegende Zeitung starrend. Hochwasser. Wo? Und? Was ist jetzt mit dem Hochwasser, mit dem depperten? Das geht jetzt schon seit Tagen so! Land unter, was? Gott sei Dank bin ich nicht in Bombay oder Lagos. Was sollte ich auch dort? Jedes Jahr dasselbe mit dem Wetter. Ich finde den Regen herrlich! (Er macht so schön depressiv, aussichtslose Katastrophenstimmung, passt so richtig zu meinem Inneren.) Und mit ein wenig Glück geht die Welt vielleicht doch unter (Der kleine Benedikt, Zitat aus „Der Salzbaron“), und man muss seine Kredite nicht mehr zurückzahlen oder braucht nicht mehr arbeiten zu gehen, weil alles unter Wasser ist.
Der Staat kommt für die Frühpension für alle auf. Sicher. Und das Wetter ist längst nicht mehr das, was es einmal war, sagen manche. In den Sechzigern hat es noch meterhohen Schnee gegeben. Richtige Schluchten hat der Schneepflug in die Straßen gegraben. Heutzutage kennt man sich ja nicht mehr aus mit dem Wetter. Im Sommer schneit es, im Winter hat es zwanzig Grad plus und mehr. Wer soll das ertragen? Mein Herz ist irritiert! Und erst der Kreislauf! Hilfsmannschaften bekommen Orden verliehen, typisch österreichisch! Orden verteilen. Monarchistische Altlasten. Fürs Sandsack-Legen! Ich halt’s nicht aus. Noch ein Kaffee.
Nun gut, wenn wir diese Leute nicht hätten, wer weiß? - Bitte sehr, der Verlängerte. Darf’s was dazu sein? - Danke, nein. Ich habe die Ahnenpässe meiner Eltern mitgebracht. Und Heiratsurkunden und so Zeug eben. Alles, was man für den Einstieg in eine Familienchronik eben braucht. Mein Gott, wer soll denn das alles lesen? Noch dazu in Kurrent! Also, Trauungs-Schein, Diözese Brünn. Na bitte, geht ja gar nicht so schlecht. Trauungsschein – Testimonium copulationis. Wenn man sich mit jemandem verbindet, zusammen ist, natürlich. Wurde gar nicht viel drum herumgeredet, damals. Beischlaf- oder auch Begattungslegitimation nenne ich das. Wie das klingt? Königreich Böhmen, Regnum Bohemiae. Wunderschön, nur leider längst nicht mehr wahr. Bezirksgericht Brünn. Blatt 403. Numerus currens zwölf. Der Bräutigam (sponsus) Stanislav K. Die Braut (sponsa) Frau Emilia O. Am sechsten November eintausendneunhundertsieben in Brünn. Dort drüben sitzt auch so eine aufgeputzte Yuppie-Tussi.
Was hat die andauernd zu telefonieren? Stundenlang ist die schon am Handy dran, unglaublich! Nee, so lange bin ich ja noch gar nicht hier. Aber immerhin. Wenn sie wenigstens leise spräche! Manche Menschen sind einfach nicht in der Lage, sich selbst in Relation zu den anderen zu sehen! Man kann hier ganz einfach nicht in Ruhe lesen! Seufzer. Das Leben scheint mit zunehmendem Alter wirklich ernster zu werden. Sollte es nicht leichter werden, verdammt noch eins? Wo doch ohnehin so gut wie alles bereits Vergangenheit ist. Was soll denn noch kommen, bitteschön, fragt man sich? War alles da. War alles schon einmal da. Jetzt werden die alten Hits wieder aufgewärmt, aus den Sechzigern. Auch schon was. Die Dichter schreiben Shakespeare um, anstatt sich selber was einfallen zu lassen! Die geht mir unheimlich auf die Nerven mit ihrer Telefoniererei! Ah, der Kaffee ist heiß, Donnerwetter! Die Milch hätt’ er sich sparen können. Hab ich schwarz gesagt oder nicht? Ignorant!
So ein familiärer Rückblick muss sehr genau beobachtet werden. Jede Entwicklung einzelner Personen darf nicht nur zur Routine werden. Es bedarf einer sorgfältigen Analyse der Fakten inklusive der Erläuterung diverser Auswirkungen auf andere Mitglieder der Familie, ähnlich der akribischen Arbeit, wie es Agenten tun würden. Man müsste bei der Niederschrift auch darauf achten, nicht bloß Satzellipsen stehen zu lassen oder rein rhetorische Fragen zu stellen, die letztendlich dann doch nicht beantwortet würden. Einer Überwachungskamera gleich beobachten. Insofern würden sich derartige Beobachtungen für den Unbeteiligten möglicherweise insistierend darstellen, vielleicht mit sarkastischen Zügen versehen und der logischen Frage, ob man je versucht hätte, vor solch einer Kamera beispielsweise unschuldig zu wirken?
Schließlich stellt man das Ergebnis unter den Scheffel der heutigen Gesellschaft, zeichnet ein möglichst genaues Bild derselben, dieses in ein System gedrängt, mit der Aussicht, Panik und Angst zu schüren, auf alle möglichen Bedrohungen aufmerksam zu machen, wie es heutzutage ja ein Leichtes ist, blickt man einmal kurz von seinem Boulevardblättchen hoch, und - wieder kurz zu Bewusstsein gekommen, das Ganze mit dem Nachsatz versehen, dass nämlich nichts besser würde, auch in der weiteren Zukunft nicht. Mit dieser Aussicht im Gepäck scheint es gar nicht so schwierig, die Haarnadelkurve in die Zielgerade der socalled „guten alten Zeit“ zu kriegen.
Apropos. Es ist vielleicht drei Jahre her, da fahre ich mit dem Abendzug zurück, von dort, wohin ich in der Früh immer fahre, immer hin und aus Richtung Westen. Eine Fahrt ohne Zwischenfälle, ruhig, wenig Passagiere, also kein Lärm, kein sinnloses Handygequatsche wie hallo, ich bin hier wo bist du?, und so weiter und was machst du eben – wen interessiert das bitte?, eine verfluchte Erfindung wahrlich!, und keine sonderliche Geruchsbelästigung, denn zahllose Mitmenschen halten offensichtlich nicht viel von Körperpflege und tragen das selbe Hemd und die selbe Hose, von der Unterwäsche ganz zu schweigen, offensichtlich mehrere Tage hintereinander.
Winter ist’s, auch wie immer in diesem Land, hat man den Eindruck. Ich verkable mich, und auch das wie immer, gleich nachdem ich es mir im Abteil zurechtgemacht habe und lege einen Film in den Laptop ein, damit die Zeit rascher vergehen möge. Ich weiß es nicht mehr, was es für ein Film war. Jim Jarmusch – Mystery Train - war’s nicht, das weiß ich mit Sicherheit. Egal. Er hätte mit Inhalt und Ausgang der Geschichte ohnehin nichts zu tun. Ich sehe also den Film zu Ende, während auch die Reise langsam ihrem Ende zugeht, packe meine sieben Sachen zusammen und gehe durch die zahlreichen Waggons in Richtung vorderen Zugteil, wobei ich auch durch jenen Wagen muss, der direkt hinter der Lok hängt, um dann, wenn er am Bahnhof ankommt, gleich zu allererst aussteigen und die U-Bahn erreichen zu können. Es ist ein Erste-Klasse-Waggon. Nicht, dass ich immer bloß Zweite Klasse fahre, es kommt auch vor, dass ich die Erste Klasse benutze und dann eben aufzahle, womit ich sagen will, sie ist mir ebenso vertraut wie die Zweite Klasse, jedoch benütze ich aus Kostengründen in der Mehrzahl die Zweite Klasse.
Als ich also die Schwingtüre dorthin durchschreite, kommt mir schon ein ziemlich aufgebrezelter, äußerst wohlbeleibter Schaffner entgegen, grußlos, wohlgemerkt, kein guten Abend, keine guten Irgendwas wünschend, nichts eben und schmettert mir in perfektem Meidlingerisch – He, hallo hallo, junger Mann, do kennan S’ oba net net durchgehn – entgegen. (Hier können Sie nicht durchgehen) Austria as it is – Charles Sielsfield, alias Karl Anton Postl, ausgewanderter Österreicher und Schriftsteller zahlreicher Romane und Betrachtungen, achtzehntes Jahrhundert, hätte seine wahre Freude daran gehabt, wenn er in der Gegenwart recherchiert hätte. Zuerst bin ich baff, um ehrlich zu sein, ich konnte zunächst gar nicht glauben, dass das jetzt die Wirklichkeit sein soll, in der ich mich befinde. Ich sehe ordentlich aus, keine zwanzig, fünfzig auch nicht mehr sondern - egal, den Schaffner schätze ich auf fünfundvierzig, bin schwarz gekleidet, schwarzer Mantel, Hose, Schuhe ebenso, schwarzen Trolley nachziehend. Sehe also nicht gerade wie ein Penner aus. (Ich bin wirklich froh über mein „r“ im Namen.) Habe eine intellektuelle Brille auf der Nase und bin plötzlich nicht würdig, durch einen Erste-Klasse-Waggon zu gehen.
Äh – ich gehe nur durch, sage ich anfangs schüchtern, zum vorderen Ausgang, weil ich gleich aussteige, alles in der Hoffnung, der Bahnangestellte würde sich vielleicht getäuscht, geirrt oder was auch immer haben, und der Satz sei ihm ganz einfach nur herausgerutscht, sodass ich hoffte, er würde ihm auch gleich wieder hineinrutschen. Doch da sollte ich mich irren. Nichts da. Genau – sagte er zu meinem neuerlichen Erstaunen, do däafn S’ net durchgehn, des is a Easchte Klass. (Da dürfen Sie nicht durchgehen usw.) Nun habe ich ja schon viel erlebt in diesen Zügen der sogenannten Staatsbahnen, schließlich fahre ich schon mehr als dreißig Jahre wöchentlich damit und da gibt es Mannigfaltiges zu berichten. Über spontane Halte wegen Personenschadens, Suizid auf offener Strecke. Also, dafür können die nix, das ist klar. Also zwei Stunden Wartezeit. Wegen eingefrorener Weichen ebenso wie aufgrund abzuwartender Anschlusszüge. Verspätungen wegen Betriebsstörungen bis zu Mitteilungen, Montagmorgen, man hätte keine Lok und müsse erst eine suchen. Ich habe mich, soweit es ging, nie aufgeregt deswegen, was auch sinnlos gewesen wäre, denn an der Abfahrtszeit hätte sich ohnehin nichts geändert. Auch nicht daran, dass in den Abfallkästen nahe den Sitzen der Schimmel regierte, und gar oft schon eine übelriechende Flüssigkeit, Reste aus Cola, Kaffee oder sonst was munter darin vor sich hinstank und schwappte.
Dass sämtliche Toiletten gleichzeitig kaputt waren, bis auf die im vordersten Waggon, der Ersten Klasse, dass es keinen Strom für den Computer gab oder überhaupt zu wenig Sitzplätze, weil man überzählige Waggons aus unerklärlichen Managementfehlern irgendwo anders halbleer herumkutschieren ließ, dass im Winter die Heizung nicht funktionierte und sich im Sommer in manchen Waggons nicht abschalten ließ, bis hin zu dem Satz, den einer der zahlreichen Generäle einmal abgelassen hatte, man wäre als Angestellter ja ohnehin bloß Bittsteller.
Auch wurscht. Dann aber gibt es noch die alljährlichen Sanierungsarbeiten am Gleiskörper. Die machen einen Schienenersatzverkehr nötig. Und das geht so – ich komm gleich zurück auf meinen Schaffner – also, da stehen in einem gewissen Ort Busse zur Verfügung, die die Reisenden in jene Orte bringen, die nun, über mehrere Wochen hindurch, per Bahn nicht passierbar sind. Nun fahren aber diese Busse durchs Unterholz, halten an Hütten, an denen nie jemand ein-, geschweige denn aussteigt und klettern mühsam versteckte Serpentinen hoch, um endlich mit Verspätung dort anzukommen, wo man eigentlich mit dem Zug hätte pünktlich ankommen sollen. Aber dort ist der Anschluss weg. Das bedeutet eine Stunde länger warten. Oder man ruft ein Taxi. Ist ja alles gratis. Hervorragendes Regionalmanagement, wirklich! Da gibt’s nichts zu meckern.
Nun gut, also der Schaffner verbietet mir, durch die Erste Klasse zu gehen. Jetzt komme ich ihm mit der Logik, dass es keinen Sinn mache, mich nicht durchzulassen, da ich ja ohnehin nicht Platz nehmen möchte, und wenn, könnte es ihm auch Pappendeckel sein solange ich bezahlte. Nein, das geht nicht und blablabla. Dann werd ich aber langsam grantig und fordere ihn auf, mir zu zeigen, wo dieses Verbot, hier nicht durchgehen zu dürfen, denn stehe. Weiß er nicht, aber es ist so. Ich sehe rot, das merke ich an meinen Herzrhythmusstörungen. Er soll zur Seite gehen, damit ich da durchgehen kann, und er sei ein Kasperl und solle sich nicht so aufführen. Da sieht er rot und stammelt irgendwas Wienerisches, von wegen ich solle mich aus dem Abteil entfernen, ich belästige die Gäste. Jetzt kriege ich aber meinen Anfall und niemand ist da, der mir die Schläfen massiert und mich davon abhält, ihm zu sagen, was für eine jämmerliche Figur er sei und dass er mir sofort Namen und Dienstnummer geben solle und er würde von mir hören. Das tut er auch, indem er meint, er wäre der Zugchef, Zuckscheff! (sic) 238 oder so, hähähä - schmettert und fett übers breite violett-rote Gesicht grinst.
Mir zittern die Knie vor Wut, und ich nehme meinen Koffer und ziehe mich mit den Worten – das gibt ein Nachspiel, Sie Kasperl – zum hinteren Ausgang zurück. Da hält der Zug auch schon am Endbahnhof. Wütend und rot im Gesicht klettere ich die Stiegen hinunter auf den Bahnsteig. Am vorderen Ausstieg steht der Zuckscheff und streckt seinen Bauch zur Tür heraus. Er lacht. Sie hören von mir, Sie Kasperl Sie!, rufe ich ihm zu und wende mich Richtung Ankunftshalle.
Zu Hause angekommen – meine Frau bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte, beichtete ich ihr in allen Details mein Missgeschick mit der staatsbahnlichen Obrigkeit und dass hier immer noch Hof gehalten würde wie in der Kaiserzeit, Relikt aus grauer Vorzeit, denn die Pensionen haben sich die feinen Herren gleichfalls aus diesen Zeiten zunutze gemacht, weil sie ja so wahnsinnig schwer arbeiten, sage ich giftig zu meiner Ehehälfte. Aber ich ernte wenig Verständnis. Man ist am Ende dann doch immer allein.
Tags darauf tippte ich bereits früh am Morgen heftig in die Tasten und beschwerte mich bei der für Bahnangelegenheit zuständigen Schlichtungsstelle über die bodenlose Schikane, die mir da am Tag zuvor im Abendzug wiederfahren war und forderte, dass sich dieser herrschsüchtige und amtsanmaßende Zugbegleiter schriftlich bei mir für sein offensichtliches Fehlverhalten zu entschuldigen hätte.
Die Antwort, die ich nach vierzehn Tagen erhielt, fiel jedoch alles andere als befriedigend für mich aus, wie ich sie in meinem Gerechtigkeitsstreben erwartet hatte. Der Zuckscheff war einvernommen worden und hätte zu Protokoll gegeben, dass ich in aggressiver Weise versucht hätte, mich an ihm vorbei durch den Korridor in die Erste Klasse zu drängen und er mich daran gehindert hätte, die Fahrgäste der Ersten Klasse weiterhin zu belästigen. Zack! Die halten also alle zusammen, waren meine ersten Gedanken, komme da was wolle! Allerdings räumte man mir ein, dass es kein derartiges Verbot gäbe, durch die Erste Klasse gehen zu dürfen. Ich nahm meine Brille ab und schluckte. Da gab es für mich nur einen einzigen Satz, mit dem ich die überschüssige Luft ablassen konnte – ihr könnt mich doch allemal!, schrie ich durch das Zimmer, beendete das Programm und fuhr den Computer herunter. Luft – alles was ich jetzt brauchte – war Luft!
Und einen Railjetsimulator.
Norbert Johannes Prenner
Auszug aus dem Roman „Am Ende ist man doch allein“ – in Entstehung
www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 17041
Mein Südtirol
Aurouggla – Teil 3
Als sich Tage danach der Stress um das Brautpaar gelegt hatte und der Alltag wieder seine ruhigen Bahnen zog, meldete ich mich bei Moidl (Mutter meines Schwagers, die Maria hieß) wieder zum Bardienst zurück, und ich muss sagen, ich war mit meiner Tätigkeit dort sehr zufrieden. Tagsüber kamen zahllose Italiener vorbei, denen ich Café Macchiato oder Limonata oder eben was anderes servierte. Ich war gefordert, mich mit ihnen zumindest irgendwie zu verständigen und im Laufe der Zeit lernte ich tatsächlich sogar etwas Italienisch. Ich konnte Bestellungen aufnehmen, kurze Fragen stellen und auch ein wenig antworten, wenn ich gefragt wurde, auch dann, wenn es sich dabei um Süditaliener handelte, was mit denen nicht immer einfach war.
Wenn ich Entspannung suchte und mir die Leute auf die Nerven gingen, lief ich einfach ums Haus, denn hinten, im Garten, saß oft ein zahmer Rabe auf einem Ast, der sogleich auf meinen Schultern landete, wenn ich ihn rief, und mir mit seinem kräftigen Schnabel liebevoll den Rücken klopfte. Vielleicht war er in seinem früheren Leben ein Specht gewesen, wer weiß. Ich fand das alles ziemlich aufregend, vor allem aber nicht so furchtbar langweilig wie bei uns zu Hause. Lag ich dann in meinem Liegestuhl, mit Pfeife und Karl May bewaffnet, setzte er sich ganz oben auf die Querleiste und tat, als läse er mit. Nur von der Pfeife hielt er Abstand, der beißende Rauch war dem sensiblen Tier offensichtlich nicht geheuer.
Gegen vier Uhr Nachmittag gab’s dann Marendn, also Jause. Oft kam Luis vorbei, ehemaliger Polizist, der von seinen Einsätzen gegen die Mafia in Süditalien erzählte und dem ich mit offenem Mund zuhörte, weil ich das alles nicht glauben konnte, was er so alles zu berichten hatte, denn solche Sachen kannte ich nur aus dem Fernsehen.
Manchmal, vor allem an Sonntagen, kam Frau Marie aus Meran herauf. Eine noch gut aussehende Sechzigerin mit einem eloquenten Mundwerk. Sie stelzte stets zuallererst an die Bar, beugte sich über diese und flüsterte mir leise zu, geh, Bua, gib ma an, zan Oischlenzgan. (Gib mir einen – zumeist Jägermeister – zum Hinunterspülen). Und ich gab ihr einen, aus dem rasch drei oder vier wurden.
Da war auch ein Buschauffeur, der alle Stunden hier Pause machte und entweder Kaffee oder ein kleines Bier bestellte. Er erzählte manchmal, wie die Partisanen italienische Bauern abgeschossen hatten, nur so zum Spaß, zum Zielschießen und so, auf den Feldern.
Eines Tages aber, es war schon gegen Abend, hörte ich ein furchtbares Pfeifen und Rauschen unten vom Tal her. Als ich, neugierig wie ich war, eilig auf die Veranda trat, da flogen plötzlich vier italienische Kampfjets von Meran aus den Hang entlang herauf und zischten über unsere Köpfe hinweg, dass uns die Luft wegblieb. Kaum dreißig Meter über dem Boden. Nie werde ich das vergessen, nie! Das war vielleicht ein Schauspiel. Die zahlreichen Touristen, die an der Seilbahn standen und warteten, kriegten die Münder nicht zu vor Staunen und es entfachte sich eine hitzige Debatte darüber, ob die Piloten das überhaupt durften, wo es doch viel zu niedrig gewesen wäre.
Manchmal waren die Brüder des Bräutigams meiner Schwester in der Bar. Sie hatten immer die neuesten Witze auf Lager, und ich mochte sie gut leiden, obwohl ich Probleme mit dem Verstehen ihres Dialektes hatte. Aber einen ihrer Witze hatte ich verstanden. Es ging um die Vespa, das beliebteste Verkehrsmittel für Alt und Jung hier in Südtirol.
Heute wäre alles nicht mehr so, wie es einmal war. Früher, sagte einer der beiden, wären die Vespen auf den Feigen gesessen, und sie meinten Wespen, aber heute sei alles anders, denn heute säßen die Feigen auf den Vespen, und sie meinten Mädchen damit. Ich weiß nicht, ob ich rot geworden war, aber ich musste furchtbar lachen.
Als der Luis, schon wieder einer, beinahe jeder hieß hier Luis oder Sepp, also der war ein Taxichauffeur, zum ersten Mal bei mir an der Bar gestanden ist, dachte er, ich sei Italiener, und ich dachte es auch von ihm, weil er italienisch bestellt hatte. So dauerte es eine ganze Weile, bis ich kapierte, was er eigentlich wollte, denn er hatte eine Pompelma bestellt, aber mit „aurouggla prego“. Das ging eine ganze Weile so hin und her, bis ich die Muata (Moidl) endlich fragte, was er eigentlich wolle und was denn um Himmels Willen „aurouggla“ bedeute? Bis ich endlich verstand. Aufschütteln. Er wollte, dass ich die Limonade aufschüttle, um das Fruchtfleisch gleichmäßig in der Flasche zu verteilen. Wir haben alle herzlich gelacht über unser Unvermögen, miteinander zu kommunizieren.
Als ich Jahre später wieder einmal hierher kam, mit meiner Frau, die im sechsten Monat schwanger war, machte ich eine Bergtour, alleine, und die wäre mir beinahe zum Verhängnis geworden. Die vielen Jahre, in denen ich zumindest die Sommer so oft als Piccolo in der Bar Diana verbracht und Gäste bedient hatte, kamen mir vor, als wären sie erst gestern gewesen. Damals saß hin und wieder ein älterer Mann am Stammtisch, ausnahmsweise einmal der Hubert, und kein Luis oder Sepp, der sagte, oben, am Ifinger, das ist der höchste Berg auf der Meraner Nordseite, sei am Gipfelkreuz eine Blechschachtel befestigt mit dem Gipfelbuch. Und in dieses Gipfelbuch hätte ein deutscher Tourist folgende Worte geschrieben: Alpenrose, schöne Rose, schöne Rose, Alpenrose, und er hätte mit Silbernagel unterschrieben. Und darunter soll ein Einheimischer geschrieben haben: Silbernagel, dummer Nagel, dummer Nagel, Silbernagel und mit Alpenrose unterschrieben haben.
Das musste ich natürlich einmal einfach selbst sehen. Aber niemand von den Einheimischen am Stammtisch der Bar Diana war je dort oben gewesen. Als Junge wäre es mir auch nicht möglich gewesen, aber nun war ich achtundzwanzig und hatte schon einige Erfahrung im Klettern und Tourengehen gesammelt. Also ging ich los. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich mich verstiegen und den Steig verloren, der zum Gipfel führte. Als ich dann auch noch abkletterte, geriet ich in einen Überhang und wäre beinahe nicht mehr von alleine hochgekommen. Der Gipfel war in Sichtweite, nur eine steile Wand von etwas sechzig Metern trennte mich von ihm. In der Wand hing eine verrostete Kette. Ich nahm all meinen Mut zusammen und hantelte mich an dieser bis zum Gipfel empor, denn ohne Sicherung, nur im Fels, hätte ich es sicher nicht geschafft. Oben, am Gipfel, saß eine Gruppe Bergsteiger, und die staunten allesamt nicht schlecht, als mein Kopf plötzlich vor ihnen auftauchte, von der steilen Südwand her. Ja wo kimmsch’n du auf amol her?, fragten sie ganz außer sich. Na, von da unten, antwortete ich gelassen, obwohl mein Herz wie verrückt schlug, teils vor Anstrengung, teils vor Angst. Immerhin ging’s unter mir beinahe tausend Meter abwärts.
Ich denke heute, ich hatte eher ihr Mitleid als ihre Bewunderung. Als ich hinterher ins Tal abstieg, erreichte ich gerade noch vor Ausbruch eines Unwetters, das seinesgleichen suchte, das schützende Haus, in dem meine besorgte Gattin bereits seit Stunden wartete. Es hagelte und schneite mitten im August und am nächsten Tag erfuhr man, dass mehrere Personen in dem Unwetter als vermisst galten.
Und noch etwas, als ich damals noch der junge Kellner in der Bar Diana war, ich erinnere mich genau an die Geschichte, gab es da einen bekannten Kunstmaler, Stampfl Rudl haben sie den genannt. Ich habe seine Aquarelle sehr bewundert. Er war ein Genie, wirklich, und ich denke, man könnte ihn zu den ganz großen Malern zählen, die im Genre des Naturalismus zu Hause sind. Er war mit einer deutschen Frau verheiratet. Und immer dann, wenn er schon zu lange am abendlichen Stammtisch gesessen war, kam seine Frau ganz aufgebracht in die Stube und rief: “Rudl, hasch an Dampf? Was sitsch allm bei die Affen?“, (Rudolf, bist du betrunken, warum sitzt du andauernd hier bei den Affen?) indem sie sich in ihrem besten Südtirolerisch versuchte, holte sie ihn mit diesen Worten zu sich nach Hause, zum Gaudium aller Anwesenden, die aus vollem Halse lachten.
Norbert Johannes Prenner
www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 17033